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tisch zu. Kürzlich hatte er von einer Verlagshandlung, welche wöchentlichBücher und Zeitungen versandte, den Auftrag übernommen, auf die Um-schläge die Namen und Adressen der Abonnenten zu schreiben, und ver-diente an je 500 Stück dieser in großen und regelmäßigen Buchstabengeschriebenen Adressen drei Franken. Aber diese Arbeit ermüdete ihn, under beklagte sich oft bei Tische darüber. „Meine Augen werden schwach,"sagte er, „diese Nachtarbeit reibt mich auf". Eines Tages sagte der Sohn:„Vater, laß mich für dich arbeiten; du weißt, daß ich genau so schreibewie du". Aber der Vater antwortete: „Nein, mein Sohn, du mußt lernen;deine Schule ist viel wichtiger als meine Adressen; ich würde mir Ge-wissensbisse machen, dir nur eine Stunde zu entziehen; ich danke dir,aber ich will nicht, sprich nicht mehr davon".
Der Sohn wußte, daß es unnütz sei, dieser Sache wegen längerin seinen Vater zu dringen, und er sprach nicht mehr davon. Aber wasthat er? Er wußte, daß sein Vater Punkt Mitternacht zu schreiben auf-hörte und sein Arbeitszimmer verließ, um ins Schlafzimmer zu gehen.Er hatte es einige Male gehört: Hatte die Wanduhr die zwölfte Stundegeschlagen, so wurde der Stuhl gerückt, und es ließ sich der langsameSchritt des Vaters vernehmen. Eines Nachts wartete er, bis derselbezu Bette war, kleidete sich ganz leise an, ging behutsam in das Zimmer,zündete die Petroleumlampe wieder an, setzte sich an den Schreibtisch,auf deni ein Haufen weißer Streifen und das Verzeichnis der Adressenwar, und begann zu schreiben, indem er die Schrift seines Vaters genaunachahmte. Und er schrieb mit Eifer, wenn auch ein wenig furchtsam,und die Streifen häuften sich an, und hie und da legte er die Feder weg,um sich die Hände zu reiben, und dann begann er mit neuer Lebhaftigkeit,indem er von Zeit zu Zeit lauschte und lächelte. Einhundcrtundsechzigschrieb er: eine Lira! Dann hörte er auf, legte die Feder hin, wo ersie genommen hatte, löschte das Licht und kehrte auf den Fußspitzen insBett zurück.
Am folgenden Mittag saß der Vater wohlgelaunt bei Tische. Er hattenichts bemerkt. Er machte diese Arbeit maschinenmäßig, sie nach Stundenbemessend und dabei an anderes denkend; die geschriebenen Adressenzählte er erst am folgenden Morgen. Als er so guter Laune amTische saß, klopfte er dem Sohne auf die Schulter und sagte: „Eh,Giulio, dein Vater ist noch gut zum Arbeiten, glaube es nur! In zweiStunden habe ich gestern Abend einen schönen Drittel der Arbeit mehrgemacht, als gewöhnlich. Die Hand ist noch flink, und die Augen thunihren Dienst". Und Giulio dachte stillvergnügt: „Der gute Vater! außerdem Verdienste verschaffe ich ihm noch die Genugthuung, sich verjüngtzu glauben. Nun wohl, nur Mut!"
Von dem guten Erfolg ermutigt, machte sich der Knabe, als es in dernächsten Nacht kaum zwölf geschlagen, wieder auf und ging an die Arbeit.Und so trieb er es mehrere Nächte. Sein Vater merkte nichts. Nur ein