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jenem Abend nahm der Vater den Knaben beiseite und sagte ihm soernste Worte, wie dieser sie noch nie gehört hatte: „Giulio, du siehst,daß ich arbeite, daß ich mir für die Familie das Leben verkürze. Du hilfstmir nicht. Du hast kein Herz weder für mich, noch für deine Brüder,noch für deine Mutter." — „Ach nein, nein, sage das nicht, Vater!"schrie der Sohn, in Thränen ausbrechend, und öffnete den Mund, umalles zu gestehen. Aber der Vater unterbrach ihn, indem er sagte: „Dukennst unsere Lage, du weißt, daß der gute Wille und die AufopferungAller nötig ist. Sieh, ich selbst muß meine Arbeit verdoppeln. Ichrechnete diesen Monat auf eine Gratifikation von hundert Lire an derEisenbahn, und diesen Morgen habe ich erfahren, daß ich nichts erhaltenwerde." Bei dieser Nachricht unterdrückte Giulio das Bekenntnis, dasihm beinahe über die Lippen gekommen, und sagte entschlossen zu sichselbst: „Nein, Vater, ich sage dir nichts; ich bewahre das Geheimnis, umfür dich arbeiten zu können; den Schmerz, den ich dir verursache, ent-gelte ich dir auf andere Weise; in der Schule werde ich immer noch genuglernen, um befördert zu werden; am nötigsten ist es jetzt, dir zu helfendas Brot zu verdienen und dir die Mühe, welche dich aufreibt, zu er-leichtern." — Und er arbeitete weiter, und zwei weitere Monate der nächt-lichen Arbeit und der Abspannung am Tage, verzweifelter Anstrengungdes Sohnes und bittere Vorwürfe des Vaters gingen vorüber. Aberdas Schlimmste war, daß dieser sich gegen den Knaben immer kälterzeigte, mit ihm nur noch selten sprach, wie wenn er ein ungeratenesKind wäre, von dem nichts mehr zu hoffen sei; er mied beinahe seinenAnblick. Und Giulio bemerkte es und litt sehr darunter, und wenn ihmsein Vater den Rücken kehrte, schickte er ihm verstohlen einen Kuß, miteinem Ausdruck kindlicher und trauriger Zärtlichkeit. Bei seinem Schmerzund seiner Arbeit magerte er ab und verlor alle Farbe, und er mußteseine Studien immer mehr vernachlässigen. Er sah wohl ein, daß alleseines Tages aufhören müsse, und jeden Abend sagte er sich: „diese Nachtwerde ich nicht mehr aufstehen"; aber bei dem Schlage zwölf, in demAugenblick, da er bei seinem Vorsatz hätte kräftig verharren sollen, em-pfand er Gewissensbisse; es schien ihm, daß er seine Pflicht vernachlässige,wenn er im Bette bleibe, seinem Vater und seiner Familie eine Lirastehle. Und er erhob sich und dachte, daß sein Vater eines Nachts er-wachen und ihn überraschen könnte, oder auch, daß er die Täuschunggewahr werde, indem er die Adressen zweimal zähle; und dann würdenatürlich alles zu Ende sein, ohne ein Eingreifen seinerseits, wozu er-sitzt nicht den Mut hatte. Und so fuhr er fort.
Aber eines Abends, beim Essen, sprach der Vater ein Wort aus,das entscheidend für ihn wurde. Seine Mutter betrachtete ihn, und alssie sah, daß er leidender und elender aussah als gewöhnlich, sagte sie zuIhm: „Giulio, du bist krank". Und dann wandte sie sich an den Vater:.„Giulio ist krank. Sieh, wie bleich er ist! Mein Giulio, was fehlt dir?"