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Der Vater sah ihn von der Seite an und sagte: „Es ist das böseGewissen, das ihn krank macht. Er war nicht so, als er noch ein lern-begieriger Schüler und ein Sohn von Herz war." „Aber er ist sehr krank!"rief die Mutter aus. — „Es ist mir jetzt gleichgültig," antwortete der Vater.
Dieses Wort war ein Messerstich ins Herz des armen Knaben.Ach! er war ihm jetzt gleichgültig! Sein Vater, der vor Zeiten gezitterthatte, wenn er ihn nur husten hörte! Er liebte ihn also nicht mehr,jetzt war kein Zweifel mehr, er war im Herzen seines Vaters tot ....„Ach! nein, mein Vater," sagte er zu sich, mit vor Angst zusammen-geschnürtem Herzen, „jetzt muß es zu Ende gehen, ohne deine Liebe kannich nicht leben, ich will sie wieder ganz besitzen, ich werde dir alles sagen,ich will dich nicht mehr täuschen, ich werde lernen wie früher. Komme,was da wolle, wenn du mich nur wieder liebst, mein armer Vater! O,dieses Mal bin ich meines Entschlusses sicher!"
Nichtsdestoweniger erhob er sich in dieser Nacht auch wieder, mehrdurch die Macht der Gewohnheit, als durch etwas anderes getrieben;und als er aufgestanden war, wollte er hingehen, um in der Stille derNacht das Zimmer zum letzten Mal zu sehen, wo er heimlich so vielgearbeitet hatte, das Herz voll von Genugthuung und Zartgefühl. Undals er sich beim Schreibtisch befand, das Licht angezündet hatte und dieweißen Streifen sah, auf die er nun niemals mehr die Namen vonStädten und Personen schreiben sollte, welche er längst auswendig wußte,wurde er von großer Trauer ersaßt, und mit einer ungestümen Bewegungergriff er die Feder, um die gewohnte Arbeit zu beginnen. Aber alser die Hand ausstreckte, stieß er an ein Buch und das Buch fiel. DasBlut wollte ihm stocken. Wenn sein Vater erwachte! Allerdings würdeer ihn ja nicht bei einer schlechten Handlung überrascht haben, er hattesich ja auch fest vorgenommen, ihm alles zu sagen; doch . . . der Ge-danke, seinen Schritt in der Dunkelheit herankommen zu hören, zu dieserStunde in dieser Stille überrascht zu werden; — seine Mutter würdeaufwachen und erschrecken — und der Gedanke, er kam ihm zum ersten-male, daß sein Vater, wenn er alles entdeckte, ihm gegenüber eine De-mütigung erfahren könnte, alles dies jagte ihm fast Schrecken ein. Erlauschte und hielt den Atem an . . . Man hörte ein Geräusch. Erhorchte am Thürschloß: alles still! Das ganze Haus schlief. Der Vaterhatte nichts gehört. Er beruhigte sich und begann zu schreiben. UndAdressen häuften sich auf Adressen. Er hörte den abgemessenen Schrittder Wache drunten in der verlassenen Straße, dann ein Geräusch vonKutschen, das auf einmal aufhörte; dann, eine Weile später, das Rolleneiner Reihe von Wagen, die langsam vorüberfuhren. Dann trat tiefesSchweigen ein, von Zeit zu Zeit unterbrochen vom entfernten Gebelleines Hundes. Und er schrieb und schrieb. Und unterdessen stand seinVater hinter ihm: er war aufgestanden, als er das Buch hatte fallenhören, er hatte den günstigen Augenblick abgewartet, der Lärm der Wagen