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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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Bequemlichkeiten für eine so lange Reise entblößt, traf sie in Wilnaeinen edlen russischen Fürsten an und klagte ihm ihre Not. Der edleFürst schenkte ihr dreihundert Rubel, und als er erfuhr, daß sie inPetersburg einen Vetter habe, stellte er ihr frei, ob sie ihre Reise nachFrankreich fortsetzen, oder ob sie mit einem Paß nach Petersburg um-kehren wolle. Da schaute sie zweifelhaft ihr ältestes Büblein an, weiles das verständigste und das kränkste war.Wo willst du hin, meinSohn?"Wo du hingehst, Mutter," sagte der Knabe und hatte recht.Denn er ging noch vor der Abreise ins Grab.

Also versah sie sich mit dem Notwendigen und akkordierte miteinem Polen, daß er sie für fünfhundert Rubel nach Petersburg brächtezum Vetter; denn sie dachte, er wird das Fehlende schon drauf legen.Aber alle Tage kränker auf der langen, beschwerlichen Reise, starb sieam sechsten oder siebenten . . .Wo du hingehst", hatte der Knabe ge-sagt, und der arme Pole erbte von ihr die Kinder, und konnten mit-einander so viel reden, als ein Pole verstehen mag, wenn ein französischesKind russisch spricht, oder ein Französlein, wenn man mit ihm redenwill auf polnisch. Nicht jeder geneigte Leser hätte an seiner Stelle seinmögen. Er war es selber nicht gern.Was anfangen jetzt?" sagte erzu sich selbst.Umkehren wo die Kinder lassen? Weiter fahrenwem bringen?"Thu, was du sollst," sagte endlich etwas in seinemInwendigen zu ihm.Willst du die armen Kinder um das Letzte undEinzige bringen, was sie von ihrer Mutter zu erben haben, um deinWort, das du ihr gegeben hast?" Also kniete er mit den unglücklichenWaisen um den Leichnam herum und betete mit ihnen ein polnischesVaterunser.Und führe uns nicht in Versuchung!" Hernach ließjedes ein Händlein voll Schnee zum Abschied und heiße Thränen aufdie kalte Brust der Mutter fallen, nämlich, daß sie ihr gerne dieletzte Pflicht der Beerdigung anthun wollten, wenn sie könnten, unddaß sie jetzt verlassene, unglückliche Kinder seien.

Hernach fuhr er getrost mit ihnen weiter auf der Straße nachPetersburg; denn es wollte ihm nicht eingehen, daß, der ihm die Kindleinanvertraut hatte, könnte ihn stecken lassen, und als die große Stadt vorseinen Augen sich ausdehnte, wie ein Hauderer thut, der auch erstvor dem Thore fragt, wo er still halten soll, erkundigt' er sich endlichbei den Kindern, so gut er sich verständlich machen konnte, wo dennder Vetter wohne, und erfuhr von ihnen, so gut er sie verstehen konnte: