Buch 
Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
Entstehung
Seite
186
JPEG-Download
 

186

auf dem Arme hinaufgezogen. Während dieser Zeit hat ihm Volney denRücken freigehalten, abwechselnd bemüht, sich den Angriffen des Tieres zuentziehen und ihm Wunden beizubringen. Es war ein Kampf der Gewandt-heit mit der rohen Kraft, wie man wohl nicht leicht wieder sehen wird.Aus vielen Wunden strömte dem Ungeheuer das Blut; aber keine dieserWunden war tödlich, und den unerschrockenen Kämpfer verließ die Kraft.Er muß eilig auf dem Schiffe Rettung suchen, er greift nach einemherabhängenden Tau, und während der alte Beckner über den Bord steigt,das Kind dem Vater zureicht, und dieser bald das Kind, bald seinenRetter umarmt, schwingt sich auch Volney an dem schwankenden Tau indie Höhe. Noch einen Augenblick und er war in Sicherheit. Es solltenicht sein. Das Raubtier, über und über mit seinem Blute bedeckt,wütend, daß seine Beute ihm zu entfliehen droht, sammelt alle seineKräfte, schwingt sich auf, erfaßt es ist entsetzlich zu sagen erfaßtden Unglücklichen in der Mitte des Leibes, reißt ihn von einander undverschlingt vor unsern Augen die erbeutete Hälfte. Ein Schrei des Ent-setzens und der Wut drang aus jedem Munde, als der zerfleischte Leichnamherauskam. Sprachlos stand Beckner da; seine starren Blicke heftetensich auf die unglücklichen Reste seines Sohnes; seine Züge verzerrten sich,und er sank bewußtlos zu Boden. Mit Mühe ins Leben zurückgerufen,sagte er scheinbar ruhig; ,Wo ist Volney?' Dann, als besänn' er sich,stieß er ein Jammergeschrei aus, das uns durch die Seele ging. DerKaufmann wich nicht von seiner Seite und leistete ihm jede Hilfe, welchedie Umstände forderten, und wenn die Ausbrüche der wilden Verzweiflungzu ruhen schienen, versuchte er von seiner Dankbarkeit zu sprechen undvon Belohnungen. Da sah ihn der Arme mit einer Miene an, in dersich der grimmige Schmerz und die gewohnte Gutmütigkeit wunderbarmischten, und sagte: ,Jch danke Ihnen für Ihre gute Meinung, redenSie aber nicht von Belohnung. Ihr Kind hab' ich gerettet, weil es ebenein hilfloses Kind war; es ist mir lieb, es Ihnen erhalten zu haben.Nun aber mein Volney dahin ist, die Freude und der Stolz meinesLebens, sind mir alle Schätze der Welt nichts, gar nichts. Es ist ausmit mir'. Nach diesen Worten fing er von neuem an zu jammern, undheiße Thränen strömten über seine Wangen, die ersten vielleicht, die erje vergossen hatte. Dann stand er auf und ging schweigend an seingewohntes Geschäft.

Während dies auf dem Verdecke geschah, umschwamm das gräßlicheRaubtier, unsrer Wut spottend, zwei- und dreimal das Schiff; dannwandte es sich nach der offenen See, und lange noch sahen wir, als esdie Flut langsam durchschnitt, die purpurne Furche, die es hinter sichherzog, bis es sich in die blaue Ferne verloren hatte."