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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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die Einigkeit der Kirche wieder herstellen und die schreienden Mißbraucheabschaffen sollte. Noch nie hatte die Christenheit einem Ereignis mitgrößerer Spannung entgegengesehen als dieser Konstanzer Kircheu-versammlung. Von Nord und Süd, von Ost und West zogenim Spätherbst des Jahres 1414 Abgesandte aus allen Ländern derChristenheit nach Konstanz. An der Spitze der weltlichen Würden-träger erschien der deutsche Kaiser Sigismund, neben ihm viele Herzögeund Fürsten, Grafen und Edle. Als Vertreter der Kirche kamen außerPapst Johann XXIII. vier Patriarchen, 30 Kardinäle, 33 Erzbischöfe,Hunderte von Bischöfen und Prälaten u. s. w., so daß zeitweise nichtweniger als 60000 Fremde, das Gefolge und die Dienerschaft derhohen Herren mit inbegriffen, in Konstanz anwesend waren.

Auf diesem Konzil, das vier Jahre dauerte, sollte auch der Prozeßgegen Hus zum Austrag kommen. Der Kaiser Sigismund ließ an ihnden Ruf ergehen, vor der Kirchenversammlung zu erscheinen, und schickteihm dazu einen Freibrief, der ihm sicheres Geleit hin und zurück ver-sprach. Am 11. Oktober 1414 brach Hus aus Böhmen auf, vonmehreren böhmischen Rittern begleitet. Nur mit Thränen sahen vieleden geliebten Lehrer, den treuen Diener des göttlichen Wortes scheiden;auch Hus selbst war von der bestimmten Ahnung erfüllt, daß'^er inden Tod gehe. Am 3. November langte er unter großem Zulauf desVolkes in Konstanz an und bezog eine Privatwohnung. In den erstenvier Wochen geschah nichts. Da erschienen am 28. November unerwartetAbgesandte der Kardinäle, führten ihn in ein am See gelegenes Kloster(das jetzige Jnsel-Hötel) und warfen ihn dort in einen scheußlichenKerker. Als der arme Gefangene in eine schwere Krankheit verfiel,wurde ihm ein etwas luftigerer Raum im Kloster gewährt.

Bis zum Monat Juni des folgenden Jahres mußte Hus imKerker schmachten. Da endlich wurde ihm ein öffentliches Verhör vordem versammelten Konzil bewilligt. Er erklärte sich bereit zu wider-rufen, was er gelehrt habe, sobald man ihn aus der heiligen Schrifteines Bessern belehre. Aber davon wollten die versammelten Kirchen-fürsten nichts wissen; sie verlangten unbedingte Unterwerfung. Als erdas verweigerte, entstand, so oft er das Wort zur Verteidigung ergreifenwollte, ein wilder Lärm. Gänzlich erschöpft durch die langen frucht-losen Verhandlungen wurde er in sein Gefängnis zurückgeführt. Nunwar sein Schicksal entschieden! Der Kaiser selbst, der Wort und Treue