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gebrochen und Hus seinen Feinden preisgegeben hatte, forderte dasKonzil auf, gegen ihn weiter vorzugehen. Man schob die förmlicheVerurteilung noch vier ganze Wochen auf und ließ inzwischen nichtsunversucht, den Zeugen der Wahrheit zum Widerruf zu bewegen. Mehr-mals erschienen in seinem Kerker Abgeordnete des Konzils, darunterdie angesehensten Bischöfe. Hus beteuerte, es sei nicht Beharren aufder eigenen Meinung, sondern auf klaren Aussprüchen der heiligenSchrift, was ihm den Widerruf verbiete. Lieber wolle er sein Lebenverlieren, als seiner Gemeinde durch Abfall von der erkannten WahrheitÄrgernis geben. Während der Haß der Feinde seine Hinrichtung vor-bereitete, dachte Hus nur an Liebe und Versöhnung. Er ließ Dr. Paletzaus Böhmen zu sich bitten, der aus einem ehemaligen Freund seinbitterster Ankläger geworden war, und als derselbe kam, bat ihn derschwer Gekränkte und unschuldig Verurteilte: „Habe ich dir je ein Leidoder Unrecht gethan, so verzeihe mir um Christi willen, wie ich dirvergebe." Paletz wurde dadurch tief beschämt und bat den Märtyrermit Thränen, er möchte widerrufen und so sein Leben retten. „Daswerde ich nicht", erwiderte Hus, „siehe vielmehr du zu, ob du rechtund wohl gethan hast, deinen Sinn zu ändern".
Am 6. Juli 1415 fand im Dom zu Konstanz eine Generalsitzungdes Konzils statt. Sie wurde mit feierlichem Gottesdienst eröffnet.Hus mußte als unwürdiger Ketzer vor dem Portal warten. Nun be-gann die letzte Verhandlung. Es wurden die Anklagepunkte, 30 schwereJrrtümmer, die er gelehrt haben sollte, vorgelesen und Hus Stillschweigengeboten. Nur weniges konnte er sagen, unter anderm auch, er seihieher gekommen, um sich zu rechtfertigen, nachdem man ihm sicheresGeleite zugesagt habe. Dabei richtete er seine Blicke auf den Kaiser.Dieser aber wandte sein Antlitz errötend ab. Es folgte nun die förm-liche Ausstoßung aus dem geistlichen Stande. Hus wurde mit demgeistlichen Ornat bekleidet, und nachdem er noch einmal unter Thränenerklärt hatte, daß er nicht widerrufen könne, entriß man ihm die ein-zelnen Stücke desselben unter den üblichen Verwünschungen. Auch diesenSchimpf ertrug er sanftmütig im Gedanken an die Verspottung Christi,dessen Lebensbild ihm beständig vor Augen stand. Als man ihm denAbendmahlskelch aus der Hand nahm mit den Worten: „Wir nehmendir, verdammter Judas, den Kelch des Heils," erwiderte Hus: „Ich abervertraue auf Gott und meinen Erlöser Jesus Christus, daß er den Kelch