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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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kennen, da er mit den Glarnern als Feldprediger nach Italien zogund die Schlacht bei Marignano durchlebte, wo das Söldnerheer derSchweizer eine furchtbare Niederlage erlitt. Umsonst hatte er den Eid-genossen Frieden und Eintracht gepredigt. Die vornehmen Geschlechter,die das fremde Sündengeld mehr liebten, als die Wahrheit und dasHeil des Volkes, griffen den kühnen Prediger leidenschaftlich an, so daßer gerne einen Ruf als Leutpriester in dem weltberühmten WallfahrtsortEinsiedeln annahm. Hier setzte er das Studium der Bibel fleißigfort. Dem schweizerischen Kardinal Schinner sprach er schon damalsdie Überzeugung aus, daß das Papsttum keinen Grund habe. Trotzdemdachte Zwingli an keine Kirchentrennung, sondern an eine Erneuerung,die er von dem Papst und den Bischöfen erwartete. Wie ein andererGeistlicher las er die Messe, predigte daneben das Wort Gottes immermehr nach der heiligen Schrift statt wie früher nach den alten Kirchen-lehrern und Auslegern. Dabei glaubte er keineswegs gegen die bestehendeKirche, sondern im Sinn und Geist der wahren katholischen Kirche zuhandeln. Auch der Papst schätzte ihn als einen getreuen Sohn undgab ihm sogar als Auszeichnung ein Jahrgeld von 50 Gulden.

Weil die Züricher von Alters her jährlich nach Einsiedeln wall-fahrteten, lernten sie den berühmten Prediger kennen und beriefen ihnam 1. Januar 1519 als Leutpriester an das Großmünster. Durch

große Welterfahrung und durchtiefe, demütige Selbsterkenntnisvorbereitet, trat er sein neuesund wichtiges Amt an. Überdie Auffassung desselben spracher sich gleich in der ersten Predigtaus:Das Leben Jesu ist demVolke zu lange verborgen ge-blieben, ich will bloß aus demQuell der heiligenSchrift schöpfenund, ohne menschlichen Erklä-rungen zu folgen, geben, wasich bei sorgfältiger Vergleichungund herzlichem Gebet gefundenhabe." Seine Predigten machtengewaltiges Aufsehen und tiefen

Das alte Großmünster.