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mächtig die Lande des Fürstabtes von St. Gallen und das Rheinthal,das den acht alten Orten und Appenzell gehörte. Hüben und drübenmachte sich immer mehr das Gefühl geltend, daß die schwebenden Fragennur durch das Schwert entschieden werden könnten. Zwingli wollte demAngriff der V Orte zuvorkommen, damit Zürich nicht „zwischen Roßund Wand" gedrängt werde. Bern aber und die andern reformiertenStände setzten es durch, daß den innern Orten zunächst die Zufuhr vonKorn, Wein, Salz, Stahl und Eisen abgeschnitten wurde. Wie Zwinglivoraussagte, erzeugte diese halbe Maßregel in der katholischen Schweizdie größte Erbitterung. Ehe die Züricher recht gerüstet waren, standendie Katholiken mit ihrem Heer bei Kappel. Der Reformator, der auchunter den Adeligen und Bürgern viele Feinde hatte, fühlte sich nichtmehr verstanden und ging schon längere Zeit still und ergeben seinenWeg. Jetzt, da es zum Kriege kam, zog er als Prediger mit; aberbange Ahnungen erfüllten ihn. „Unsere Sache ist gut", sprach er, „abersie ist schlecht verteidigt". Als Zwingli sein Pferd bestieg, bäumte essich, und die Leute sagten: „Er wird nicht wieder kommen". Seine Frauund seine Kinder klammerten sich an den Vater. „Werden wir unswiedersehen?" fragte die Gattin. „So Gott will, sein Wille geschehe",antwortete Zwingli. Vereinzelt zog man über den Albis, um der Vor-hut der Züricher zu Hilfe zu eilen. Still ritt der Reformator dahin;ein Stadtreiter von Winterthur hörte ihn leise für des Vaterlandes undder Kirche Wohl beten. Bei Kappel angekommen, sahen die Züricher,ohne rasten zu können, noch am Abend die viermal größere Übermachtder Feinde sich auf sie stürzen. Ein furchtbares Gemetzel begann, Zwinglibrauchte selbst die Waffen nicht, sondern sprach den Kämpfenden Mut,den Sterbenden Trost zu. Als er so dastand, auf seine Hellebarde ge-stützt, trat ein Gegner Zwinglis, Leonhard Burkhard aus Zürich, zuihm und sagte: „Wie steht's nun, Meister Ulrich, wie gefällt Euch dieSache? Ihr habt uns den Brei gekocht und die Rüben gesalzen; nunmüßt Ihr uns helfen ausessen". — „Das will ich", antwortete Zwingli,„und mancher Biedermann, der hier steht in Gottes Hand, dessen wirsind, tot und lebendig". „Und auch ich will's helfen ausessen", fügteBurkhard bei, „und Leib und Leben tröstlich wagen". Den Streiternrief Zwingli zu: „So, biedere Leute, seid getrost und fürchtet euch nicht,müssen wir gleich leiden, so ist doch unsere Sache gut. Befehlet euchGott. Gott walte unser und der Unsrigen".