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war: „Fleißig gebetet ist über die Hälfte studiert". Einmal, wie erdie Bücher in der Universitäts-Bibliothek fein nacheinander besieht,kommt er über die lateinische Bibel. Da vermerkt er mit großemVerwundern, daß viel mehr darin steht, als man in den gewöhnlichenPostillen und auf den Kanzeln Pflegte auszulegen. Wie er sich imA. T. umsieht, kommt er über Samuelis und seiner Mutter HannaGeschichte, und weil ihm dieses neu war, fängt er an von Grundseines Herzens zu wünschen, unser getreuer Gott wolle ihm einst auchein solch Buch bescheren.
In großer Angst um seiner Seelen Seligkeit, insonderheit, alsihm sein guter Freund erstochen ward und ihn ein großes Wetter undgreulicher Donnerschlag hart erschreckte, so daß er zur Erde niederfiel,ging er 1505 in das Kloster, um dort mit Mönchswerken Gott zudienen und die Seligkeit zu erwerben. Aber obwohl er mit Wachen,Beten, Lesen und anderer Arbeit sich fast zu Tode marterte, war erdoch immer traurig; er würde verzweifelt sein, wenn ihm Gott nichtin seiner Not einen alten Klosterbruder zugeschickt hätte. Dieser verwiesihn, als er ihm seine Anfechtungen klagte, auf die Worte: „Ich glaubean eine Vergebung der Sünden." Es sei nicht genug, im allgemeinenzu glauben, daß etlichen vergeben werde, wie auch die Teufel glauben,daß dem David oder Petrus vergeben sei, sondern das sei GottesWille, daß jeglicher glaube, daß ihm vergeben werde.
Im Jahre 1508 kam Luther wegen seiner sonderlichen Geschick-lichkeit und ernstlichen Frömmigkeit als Lehrer an die neue Universitätnach Wittenberg. Er lehrte so gewaltig, daß sich verständige Männersehr verwunderten und einer sagte: „Dieser Mönch wird alle Doktorenirre machen und eine neue Lehre aufbringen und die ganze römischeKirche reformieren; denn er legt sich auf der Propheten und der ApostelSchrift und stehet auf Jesu Christi Wort."
1510 wurde er in Klostergeschäften nach Rom geschickt, davon erspäter oftmals gesagt hat: „Ich wollte nicht 1000 Gulden nehmen,daß ich Rom nicht gesehen hätte". In Andacht war Luther nach Romgekommen und hoffte dort den Frieden für seine Seele zu finden.Aber er entsetzte sich über die gotteslästerlichen Reden der Priester beiTische. „Daneben ekelte mir, daß sie so sicher und fein rips rapskonnten Messe halten, als trieben sie ein Gaukelspiel; denn ehe ich zumEvangelio kam, hatte mein Nebenpfaffe seine Messe ausgerichtet und