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Von drüben rief der Horg'ner Turm; bald stöhnten alle Glocken Sturm,und was geblieben war zu Haus, Las stand am See, lugt' angstvoll aus.
Am Himmel kämpfte lichter Schein mit schwarzgeballteu Wolkenreih'n.
„Hilf Gott! ein Nachtgefpenst!" Sie sahn es drohend durch die Fluten nahn.
Wo breit des Mondes Silber floß, da rang und rauscht' ein mächtig Roß,und wilder fchnaubt's und näher fnhr's ... „Hilf Gott! Der Rappe des Komturs!''Nun trat das Schlachtroß festen Grund; die bleiche Menge stand im Rund.
Zur Erde starrt' sein Augenstern, als sucht' es dort den toten Herrn ...
Ein Knabe hub dem edeln Tier die Mähne lind: „Du blutest hier!"
Die Wunde badete die Flut; jetzt überquillt sie neu von Blut,und jeder Tropfen schwer und rot verkündet eines Mannes Tod.
Die Komturei mit Turm und Thor ragt weiß im Morgenglanz empor.
Heim schritt der Rapp' das Dorf entlang, sein Huf wie über Grüften klang;und Alter, Witwe, Kind und Maid zog schluchzend nach wie Grabgeleit.
101. Luthers Jugend und Klosterleben.
Karl Runkwitz, Kinderschatz für Haus und Schule.
^.m St. Martini-Abend, welches war der 10. November 1483,ist Martin Luther zu Eisleben geboren. Sein Vater war Hans Luther,ein Bergmann, wegen seiner Rechtschaffenheit allen braven Männernsehr wert; seine Mutter Margarete war insonderheit durch Zucht, Gottes-furcht und fleißiges Gebet ausgezeichnet. Anfangs war Luthers Vaterein armer Hauer sArbeiter im Bergwerks, und die Mutter hat dasHolz auf dem Rücken getragen. Nachher aber segnete Gott des VatersArbeit und bescherte ihm zu Mansfeld zwei Schmelzöfen. Sie erzogenihren Martin zur Furcht Gottes; dabei aber hielten sie ihn sehr hart.Er sagt selbst: „Mein Vater stäupte mich einmal so sehr, daß ich ihnfloh und ward ihm gram, bis er mich wieder zu sich gewöhnte. DieMutter stäupte mich einmal um einer geringen Nuß willen, daß dasBlut danach floß; aber sie meinten es herzlich gut". — 14 Jahre altschickte ihn sein Vater nach Magdeburg und ein Jahr später nachEisenach, wo er seiner Mutter Freundschaft hatte, damit er es imLernen weiter bringen könnte als in Mansfeld. Daselbst, sonderlich zuEisenach, hat er den Brotreigen vor den Thüren gesungen und dasBrot vor den Häusern empfangen. Da nahm ihn um seines herzlichenGebets und Singens willen eine fromme Frau an ihren Tisch. 1501ging er nach Erfurt auf die hohe Schule. Obwohl von Natur einhurtiger und fröhlicher Geselle, sing er alle Morgen sein Lernen mitherzlichem Gebet und Kirchengehen an, wie denn dies sein Sprichwort