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den Händen andächtig stehen, bis alles vorüber war. Da machte ersich an den letzten vom Zug, der eben in der Stille ausrechnete, waser an seiner Baumwolle verdienen könnte, wenn der Zentner um zehnGulden aufschlüge, ergriff ihn sachte am Mantel und bat ihn treuherzigum Entschuldigung. „Das muß wohl auch ein guter Freund von Euchgewesen sein", sagte er, „dem das Glöcklein läutet, daß Ihr so betrübtund nachdenklich mitgeht". „Kannitverstan!" war die Antwort. Dafielen unserm guten Tuttlinger ein paar große Thränen aus den Augen,und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz.„Armer Kannitverstan", rief er aus, „was hast du nun von allemdeinem Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme:ein Totenkleid und ein Leichentuch, und von allen deinen schönen Blumenvielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust, oder eine Raute". Mitdiesen Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bisans Grab, sah den vermeinten Herrn Kannitverstan hinabsenken in seineRuhestätte und ward von der holländischen Leichenpredigt, von der erkein Wort verstand, mehr gerührt, als von mancher deutschen, auf dieer nicht acht gab. Endlich ging er leichten Herzens mit den andernwieder fort, verzehrte in einer Herberge, wo man deutsch verstand, mitgutem Appetit ein Stück Limburger Käse, und wenn es ihm wieder ein-mal schwer fallen wollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seienund er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam,an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.
114. Das Haus Gruit van Steen.
Nach Karl Barth, Erzählungen für die Jugend.
^as Handelshaus Gruit van Steen war im Beginn des sieben-zehnten Jahrhunderts eines der angesehensten, reichsten und festbegründetstenin Hamburg. Das Oberhaupt des Hauses war damals Herr HermannGruit, der nach dem Tode des ehrwürdigen Vaters mit der Handlungund dem Hanse auch den alten Jansen als Erbstück überkommen hatte,einen goldtreuen Diener des Hauses, mit Leib und Seele, wie sonst demalten, nun dem jungen Herrn zugethan, welchen er schon als Kind aufden Knieen geschaukelt hatte. Wenige verstanden das Handelswesen derdamaligen Zeit so von Grund aus wie der alte Jansen; daher galt auchsein Wort in der Schreibstube wie das des Herrn.
Der dreißigjährige Krieg durchtobte schon seit zwanzig Jahren dasdeutsche Land von einem äußersten Ende zum andern; Städte und Dörferwaren zu Hunderten verheert und verlassen von den Bewohnern, die mit