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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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ist er in höchster Gefahr des Leibes und Lebens, und wenn er fetzt denRegulator weiter öffnet und die Maschine, schneller und schneller puffendund keuchend, in die dichte Finsternis der Nacht, in der das Heulen desSturmes auch jeden Warnruf verschlingt, hineinjagt, schneller und schneller,bis ihre dröhnenden Räder kaum mehr die Schienen zu berühren scheinen,so rast er der Gefahr blindlings entgegen. Ganz allein in Gottes Hand;nichts steht ihm zur Seite als sein Mut, seine Wachsamkeit und seineEntschlossenheit. Und so steht er denn auf der dahinjagenden Maschine,den Blick auf den engbegrenzten Schein gerichtet, den die Laternen derLokomotive mit zitterndem Strahl auf die Bahn werfen.

Zuweilen blinken, wie rot auftauchende, freundliche Sterne, Lichter-aus Hütten nahegelegener Dörfer herüber.Wie warm und sicher undtraulich muß es um diese herum sein!"doch da sind sie schon wiederverschwunden in einem wilden Wirbel aufgepeitschten Schnees. Er öffnetden Regulator weiter, rascher noch wird das Tempo der rasselnden Schläge,eilender noch schießt der Zug in die Nacht hinein.Feuern!" rufter, nachdem der Flug eine Viertelstunde gedauert, seinem Heizer durchden Sturm zu, der den Schall vom Munde jagt, so daß das noch dazuvom Prasseln, Zischen, Klappern und Heulen übertäubte Wort kaum dasOhr des Nächststehenden zu erreichen vermag.

Der Heizer steht, träumend vor sich hinstarrcnd, am Hemmapparatdes Tenders und hört ihn nicht.Gärtner! Feuern!" schreit ihm nunZimmermann zu, ihm die Hand auf den Arm legend. Der Heizer fährtempor und greift nach der Kohlenschaufel, während der Führer dieThüre der Lokomotivfeuerung aufreißt. Ein ungeheures, glänzendes Licht-bündel fährt aus der weißglühenden Feuermasse durch die Thür fast senk-recht nach dem Himmel empor. In dem Glutlichte duckt sich die dunkleGestalt des Heizers etwa zehnmal hin und her, jedesmal aus dem Tenderdie mächtige, schwere Kohlenschaufel füllend und sie in die Feuerungausstürzend. Er hat etwa zwei Zentner neues Brennmaterial in dieweißglühende Masse geworfen. Der Führer schließt die Feuerthür; dasStrahlenbündel, das aus ihr schoß, erlischt, und erhitzt und aufatmendtritt der Heizer an seinen Posten zurück, während eine prachtvolle Funken-masse wie die schönste Feuerwerksgarbe dem Schornstein entströmt.

Was haben Sie denn, Gärtner?" schreit der Führer dem Heizerins Ohr,Sie sehen und hören ja heute nicht! Passen Sie auf!"Ach,Herr Zimmermann," schreit Gärtner zurück,mir geht's schlecht! MeineFrau liegt zu Hause in schwerer Krankheit; die Schwester, die sie pflegt,ist selbst krank geworden jetzt ist sie mit der zehnjährigen Hedwigganz allein und ich mußte fort zum Dienst Gott allein kann helfen!"

Der Führer wendet sich ab und zieht die Pelzmütze tiefer über dieAugen.Da ist Wolfsberg," sagt er nach einiger Zeit, als die rotenund weißen Lichter einer Station durch das Schneewirbeln vor ihnenaufzuschimmern beginnen. Er pfeift, und gleich darauf poltert der Zug