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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
Entstehung
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297
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unter das überhangende Dach des Perrons der Station. Eilend umschreiteter hier seine Lokomotive, indem er ihre dicht mit Schneeschlicker bedecktenTeile prüfend beleuchtet. Da ruft der Stationsheizer, der inzwischenunter der Maschine mit dem Ausharken der Schlacke aus dem Roste derFeuerung beschäftigt ist:Herr Zimmermann, der Rost des Greif istheut' so dick verschlackt, ich komme nicht durch damit in den vier MinutenAufenthalt!" Rasch springt der Führer, mit dickem Pelz und Mützeangethan, in die Schürgrube hinab, packt die schwere Feuerkrücke mit,und sie in die weißglühende Fenermasse des Rostes hineinstoßend, arbeitetder schwerbekleidete Mann angestrengt und hastig, bis das Feuer wiederin Vollkommen regelrechtem Zustande ist. Nach wenig Minuten steigt erkeuchend und schweißtriefend aus der Grube.Abfahrt!" ruft derOberschaffner. Es läutet. Auf die Maschine klimmt der Mann, dessenLungen noch von der Anstrengung atmend fliegen, und dem der Schweißunter der Pelzmütze hervorrieselt.Pfeifen!" und hinaus geht eswieder unaufhaltsam in die eiseskalte Schneesturmnacht, die mit fünfzehnGrad kalter, schneidender Zugluft die schweißgetränkten Haare in wenigSekunden in starrende Eisnadeln verwandelt.

Vorwärts! Vorwärts! Die Teile der Lokomotive tropfen; ausdem Schornstein, von den Sicherheitsventilen, von der Pfeife und vonden Pumpen spritzt Wasser fein zerteilt ab, das hier an der Maschineherabrieselt und an ihren anßcnliegcnden Teilen gefriert oder vorn Sturmweggeblasen wird, dort aber Pelz und Mütze und Gesicht der Männerübersprüht, die schweigend auf dem Trittbrett stehen. Nach und nachbehängt sich die Maschine mit schweren Eiszapfen, dicke Eisbnckel wachsenselbst an ihren am raschesten schwingenden Organen; alle Zwischeuränmefüllen sich mit hartgefrorenem Schnee, und der Blick in die Teile derMaschine wird schwieriger und unsicherer. -Ich glaube, die Pumpenfrieren zu bei dem Wetter," sagt Zimmermann.Wir wollen sie einwenig spielen lassen." Er will die Hand nach den Griffen ausstrecken,den Kopf dahin wenden, fühlt aber die kräftige Faust am Körper fest-gehalten und empfindlichen Schmerz am Kinn. Die nasse Kleidung derMänner hat sich in einen starren Eispanzer verwandelt, Bart und Pelzsind in eine Eismasse znsammengeronnen, die dicke Pelzmütze ist zueinem drückenden Helme geworden, an den Augenwimpern hangen Eis-kügelchen und lassen die Lichter der auftauchenden zweiten Station intausend Farben spielen. Sie reißen die am Rock gefrornen Ärmel loSund strecken prasselnd und knisternd die Glieder.

Die Stationen spinnen sich langsam ab, die Entfernungen scheinenmit der Ermüdung zu wachsen. Unaussprechliche Schlafsucht beschleichtdie Männer.Ja, gleich, Matchen!" ruft der Heizer Gärtner plötzlichin die Schneesturmnacht hinaus; er hatte stehend genickt und geträumt,er sei daheim bei seinem armen, kranken Weibe.Gärtner! Gärtner!"fährt ihn der Führer an, dem es selbst vor einer Minute war, als ver-