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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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hübsch zurecht in Päckchen und Tütchen, die er dann mit Bindfaden zu-sammen in ein einziges Paket band und an den Mehlsack so hing, daßich das Ding über der Achsel tragen konnte, vorne ein Bündel undhinten ein Bündel. Als das geschehen war, fragte ich mit einer nichtminder tückischen Ruhe als vorhin, was das alles zusammen ausmache.Das macht drei Gulden fünfzehn Kreuzer," antwortete er mit Kreideund Mund.Ja, ist schon recht," hierauf ich,da ist derweil ein Gulden,und das andere wird mein Vater, der Waldbauer in Alpel, zu Osternzahlen." Schaute mich der bedauernswerte Mann an und fragte höchstungleich:Zu Ostern? In welchem Jahr?"Na, nächst'Ostern, wenndie Kohlenraitnng ist." Nun mischte sich die Frau Doppelreiterin,die andere Kunden bediente, drein und sagte:Laß ihm's nur, Mann,der Waldbauer hat schon öfter aus Borg genommen und nachher allemalordentlich bezahlt. Laß ihm's nur."Ich laß ihm's ja, werd' ihm's nichtwieder wegnehmen," antwortete der Doppelreiter. Das war doch ein be-quemer Kaufmann. Jetzt fielen mir auch die Semmeln ein, welche meineMutter noch bestellt hatte.Kann man da nicht auch fünf Semmelnhaben?" fragte ich.Semmeln kriegt man beim Bäcker," sagte derKaufmann. Das wußte ich nun gleichwohl, nur hatte ich mein Leb-tag nichts davon gehört, daß man ein paar Semmeln auf Borg nimmt;daher vertraute ich der Kaufmännin, die sofort als Gönnerin zu betrachtenwar, meine vollständige Zahlungsunfähigkeit an. Sie gab mir zwei baareGroschen für Semmeln, und als sie nun noch beobachtete, wie meineAugen mit den reiffeuchten Wimpern fast unablösbar an den gedörrtenZwetschgen hingen, die sie einer alten Frau in den Korb that, reichtesie mir auch eine Handvoll dieser köstlichen Sache zu:Unterwegs zumNaschen".

Nicht lange hernach, und ich trabte mit meinenWütcrn reich undschwer bepackt durch die breite Dorfgasse dahin. Überall in den Häusernwurde gemetzgert, gebacken, gebraten, gekeltert; ich beneidete die Leutenicht, ich bedauerte sie vielmehr, daß sie nicht ich waren, der mit sogroßem Segen beladen gen Alpel zog. Das wird morgen ein Christtagwerden! Denn die Mutter kann's, wenn sie die Sachen hat. Ein Schweinist ja auch geschlachtet worden daheim, das gibt Fleischbrühe mit Semmel-brocken, Speckflcck, Würste, Niercn-Lümperln, Knödelfleisch mit KrensMeerrcttichs, dann erst die Krapfen, die Znckernudeln, das Schmalzkochmit Weinbecrln und Safran! Die Herrenleut' da in Langenwanghaben so was alle Tag', das ist nichts; aber wir haben es im Jahreinmal und kommen mit unverdorbenem Magen dazu, das ist was!Und doch dachte ich auf diesem belasteten Frcudenmarsch weniger nochaus Essen als an das liebe Christkind und sein hochheiliges Fest. AmAbend, wenn ich nach Hause komme, werde ich aus der Bibel davonvorlesen, die Mutter und die Magd Mirzel werden Weihnachtsliedersingen; dann, wenn es zehn Uhr wird, werden wir uns ausmachen nach