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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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301
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schritt der hagere, gebückte Schulmeister durch die Kirche, musterte dieAndächtigen, als ob er jemanden suche. Endlich trat er an mich undfragte leise, ob ich ihm nicht die Orgel ziehen wolle, es sei der Mesnerbubkrank. Voll Stolz und Freude, also zum Dienste des Herrn gewürdigtzu sein, ging ich mit ihm auf den Chor, um bei der heiligen Messeden Blasebalg der Orgel zu ziehen. Während ich die zwei langenstederriemen abwechselnd aus dem Kasten zog, in welchen jeder derselbenallemal wieder langsam hineinkroch, orgelte der Schulmeister, und seineTochter sang ein Weihnachtslied. Auch erinnere ich mich, an jenemMorgen nach dem Gottesdienste in der dämmerigen Kirche vor einHeiligenbild hingekuiet zu sein und gebetet zu haben um Glück undSegen zur Erfüllung meiner bevorstehenden Aufgabe.

Guten Mutes ging ich hinaus in den nebeligen Tag, wo allesemsig war in der Vorbereitung zum Feste, und ging dem Hause desHolzhändlers Spreitzegger zu. Als ich daran war, zur vorderen Thürhineinzugehen, wollte der alte Spreitzegger, so viel ich mir später reimte,durch die Hintere Thür entwischen. Es wäre ihm gelungen, wenn mirnicht im Augenblick geschwant hätte: Peter, geh nicht zur vorderenThüre ins Haus wie ein Herr, sei demütig, geh zur Hinteren Thürehinein, wie es dem Waldbauernbuben geziemt! Und knapp an der HinterenThüre trafen wir uns.Ah Bübel, du willst dich wärmen gehen," sagteer mit geschmeidiger Stimme und deutete ins Haus,na, geh dich nurwärmen. Ist kalt heut!" Und wollte davon.Mir ist nicht kalt," ant-wortete ich,aber mein Vater läßt den Spreitzegger schön grüßen undbitten ums Geld."Ums Geld? Wieso?" fragte er,ja richtig, du bistder Waldbauernbub. Bist früh aufgestanden heut, wenn du schon denweiten Weg kommst. Rast nur ab. Und ich laß deinen Vater auchschön grüßen und glückliche Feiertage wünschen; ich komm' ohnehin ehzeiteinmal zu euch hinauf, nachher wollen wir schon gleich werden." Fastverschlug's mir die Rede, stand doch unser ganzes Weihnachtsmahl inGefahr vor solchem Bescheid.Bitt' wohl von Herzen schön nms Geld,muß Mehl kaufen und Schmalz und Salz und darf nicht heimkommenmit leerem Sack." Er schaute mich starr an.Du kannst es!" brummteer, zerrte mit zäher Gebärde seine große, rote Brieftasche hervor, zupftein den Papieren, die wahrscheinlich nicht pure Banknoten waren, zogeinen Gulden heraus und sagte:Na, so nimm derweil das, in vierzehnTagen wird dein Vater den Rest schon kriegen. Heut hab' ich nicht mehr."Den Gulden schob er mir in die Hand, ging davon und ließ mich stehen.

Ich blieb aber nicht stehen, sondern ging zum Kaufmann Doppel-reiter. Dort begehrte ich ruhig und gemessen, als ob nichts wäre, zweiMaßet Semmelmehl, zwei Pfund Rindschmalz, um zwei Groschen Salz,um einen Groschen Bierhefe, um fünf Kreuzer Weinbcerln, um fünf Gro-schen Zucker, um zwei Groschen Safran, und um zwei Kreuzer Neu-gewürz. Der Herr Doppelreiter bediente mich selbst und machte mir alles