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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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gefahren wäre! Und wenn er jetzt hcimwärs mit dem leeren Schlittendes Weges käme und mir das Bündel auflüde! Und am Ende gar michselber! Daß es so heiß sein kann im Winter! Mitten in Schnee undEisschollen schwitzen! Doch morgen wird alle Mühsal vergessen sein.Derlei Gedanken und Vorstellungen verkürzten mir unterwegs die Zeit.

Auf einmal roch ich starken Tabakrauch. Knapp hinter mir gingganz leise auftretend der grüne Kilian. Der Kilian war früher einigeZeit lang Forstgchilfe in den gewerkschaftlichen Waldungen gewesen; jetztwar cr's nicht mehr, wohnte mit seiner Familie in einer Hütte drübenin der Fischbacher Gegend, man wußte nicht recht, was er trieb. Runging er nach Hause. Er hatte einen Korb auf dem Rücken, an dem ernicht schwer zu tragen schien; sein Gewand war noch ein jägcrmäßiges,aber hübsch abgetragen, und sein schwarzer Vollbart ließ nicht viel sehenvon seinem etwas fahlen Gesichte. Als ich ihn bemerkt hatte, nahm erdie Pfeife aus dem Mund, lachte laut und sagte:Wo schiebst dennhin, Bub?"Heim zu," meine Antwort.Was schleppest denn?"Sachen für den Christtag".Gute Sachen? Der tausend sappcrmcnt!Wem gehörst denn zu?"Dem Waldbaucr."Zum Waldbauer willstgar hinauf! Nach einem solchen Marsch wirst gut schlafen bei der Nacht,"versetzte der Kilian, mit mir gleichen Schritt haltend.Heut wird nichtgeschlafen bei der Nacht, heut ist Christnacht."Was willst denn sonstthun als schlafen bei der Nacht?"Nach Kathrein in die Mette gehen."Nach Kathrein?" fragte er,den iveitcn Weg?"Um zehn Uhrabends gehen wir von Haus fort, und um drei Uhr früh sind wir wiederdaheim."

Der Kilian biß in sein Pfeifenrohr und sagte:Na, hörst du, dagehört viel Christentum dazu. Beim Tag ins Mürzthal und bei derNacht in die Mette nach Kathrein! So viel Christentum hab' ich nicht,aber das sage ich dir doch: wenn du dein Bündel in meinen Buckelkorbthun willst, daß ich es dir eine Zeitlang trag' und du dich ausrastenkannst, so hast ganz recht, warum soll der alte Esel nicht auch einmaltragen!" Damit war ich einverstanden, und während mein Bündel inseinen Korb sank, dachte ich: der grüne Kilian ist halt doch ein bessererMensch, als man sagt. Dann rückten wir wieder an, ich huschte frei undleicht neben ihm her.Ja ja, die Weihnachten!" sagte Kilian pfauchend,da geht's halt drunter und drüber. Da reden sich die Lcut' in eineAufregung und Frömmigkeit hinein, die gar nicht wahr ist. Im Grundist der Christtag wie jeder andere Tag, nicht einen Knopf anders. DerReiche, ja, der hat jeden Tag Christtag, unsereiner hat jeden Tag Kar-freitag."Der Karfreitag ist auch schön," war meine Meinung.Ja, wergenug Fische und Butter und Eier und Kuchen und Krapfen hat zumFasten!" lachte der Kilian.

Mir kam sein Reden etwas heidentümlich vor. Doch was er nochweiters sagte, das verstand ich nicht mehr; denn er hatte angefangen,