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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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wurde aufs grausamste verfolgt, eingekerkert und hingerichtet. Manfertigte die Todesliste mit solcher Gewissenlosigkeit an, daß mancherdurch bloße Namensverwechslung aufs Schaffst kam und für solche,die schon hingerichtet waren, nochmals Verhaftbefehle ausgestellt wurden!Als ein späteres Gesetz die Verteidigung der Angeklagten nicht mehrfür notwendig fand, sondern das Urteil ganz demGewissen" der Ge-schwornen überließ, da wurden in Paris Tag für Tag 50, 60 undnoch mehr Menschen aufs Blutgerüst geschleppt. Die zwölf Haupt-gefängnisse waren mit Unglücklichen, darunter die ausgezeichnetstenMänner, immer überfüllt. Allnächtlich brachte der Wagen neue Ge-fangene. Jeden Morgen drängten sich alle an die Thüre zur Anhörungder Namensverlesung: Wessen Name genannt wurde, der mußte sichschon in der nächsten Stunde auf den Tod gefaßt machen. In manchenStädten ließ man Hunderte zusammen vor die Mündungen von Kanonentreiben und niederschießen. Auf Schiffen mit Fallböden wurden ganzeScharen von Männern, Frauen und Kindern in Flüssen ertränkt.Durch solche Schandthaten wollten die grausamen Tyrannen, wie siesagten, die Freiheit des Landes sicher stellen. Bürger und Bauernwaren in stumpfem Schrecken. Da der Wohlfahrtsausschuß über sichkeinen Richter erkannte, schaffte er auch das Christentum förmlich ab.Die Kirchen wurden entweiht. In höllischer Wut zerschlug das Volkdie Altäre und Statuen, warf alles Brennbare auf einen Haufen undzündete mitten in der Kirche ein Feuer an. Aus den Abendmahlschalenaßen sie Würste, und aus den Kelchen tranken sie Branntwein.

In den verheerten Kirchen hielt man Trinkgelage und führte Tänzeauf um die großen Feuer her, die darinnen brannten. Statt deslebendigen, unsichtbaren Gottes verehrte man die menschliche Vernunftals Gottheit. Zu ihrer Darstellung wählte man eine Sängerin, diesich in weißem Kleide, geschmückt mit einem himmelblauen Mantel, dierote Jakobinermütze auf dem Kopfe und eine Pike in der Hand, aufeinem Triumphwagen durch die Straßen von Paris führen ließ. EineSchar reich bebänderter Mädchen umtanzte sie. Die Mitglieder derRegierung und eine Menge Volks liefen hinter ihr her nach derPariser Hauptkirche. Dort hob man sie auf den größten Altar undverehrte sie mit Verneigungen, Räucherungen, Ansprachen und GesängenalsGöttin der Vernunft". Wer noch zu dem wahren Gott betete,wurde verhöhnt, mißhandelt und wohl gar umgebracht.