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Anzüge. Dennoch blieb Napoleon bis zum 19. Oktober hartnäckig aufden Schutthaufen Moskaus in der Hoffnung, Kaiser Alexander werdeFrieden schließen. Aber der kühne, von Napoleon geächtete Freiherrvon Stein bewog den russischen Kaiser, gerade jetzt keinen Frieden zuschließen, sondern den Kampf mit allen Kräften fortzusetzen, bis Ruß-land und Deutschland ihre Freiheit wieder erlangt hätten.
Es war ein schrecklicher, grauenvoller Rückzug. Der Weg führteweithin durch unwirtbare Landstriche, die, durch den Krieg völligverödet, keine Lebensmittel, keinen Rastplatz darboten. Ungewöhnlichfrühe fiel der strengste Winter ein. Nun stieg die Not immer höher.Menschen, Pferde und Wagen blieben im Schnee stecken; Hunger undFrost forderten Tag für Tag zahlreiche Opfer. Bald sah man Haufenvon Erstarrten im Schnee liegen, überall umgestürzte Kanonen, weg-geworfene Waffen, zurückgelassene kostbare Beutestücke! Dazu kamen nochunaufhörliche Angriffe der nachsetzenden russischen Reiter, die den er-schöpften Feinden keine Ruhe gönnten und ganze Scharen von Nach-züglern gefangen nahmen oder niedermachten. An der Beresina erreichtedas Elend seinen Gipfel. Napoleon ließ zwei Brücken über den Flußschlagen, und die Truppen begannen hinüber zu drängen. Aber plötzlicherschienen die Russen und feuerten Schuß auf Schuß in die dichtenHaufen. Da entstand eine unbeschreibliche Verwirrung. Alles stieß unddrängte, um sich über die Brücken zu retten. Viele wurden in demfürchterlichen Durcheinander zerdrückt und zertreten, vielö von den Rä-dern der Kanonen und Wagen zermalmt, viele in den brausenden Eis-strom hinabgestürzt. Endlich brachen die Brücken zusammen; Tausendeversanken in den Fluten, und alle, die noch am andern Ufer waren,wurden abgeschnitten und gefangen. Napoleon, der jetzt sein Herrverloren sah, eilte auf einem Bauernschlitten von bannen, um in Parisneue Rüstungen zu betreiben. Von da an schwand alle Zucht undOrdnung; Soldaten aller Abteilungen liefen wild durcheinander, jederdachte nur an seine Rettung. Die wenigsten Reiter hatten noch Pferde;über die gefallenen Tiere stürzten die Hungrigen her und verzehrten siemit Gier. Fiel ein Soldat, so rissen ihm seine Kameraden die Kleidervom Leibe, um sich damit Hände und Füße zu umwickeln. Hattendie Halberfrorenen ein Feuer angemacht, so jagten die heranstürmendenKosaken sie alsbald wieder in jähe Flucht, oder man fand sie desMorgens als Leichen um die erloschene Glut geschart. Nur ein arm-