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2. Der Riegel knarrt, er tritt hinaus, — er steht gelahmt vom nächt'gen Graus;die Leuchte seiner Hand entfällt; er sah vom Feind das Haus umstellt.Schnell greifen ihn vier kräft'ge Arme und ziehn ihn von der Schwelle fort,und einer aus dem wilden Schwärme giebt ihm das unwillkomm'ne Wort:
3. „Du führst uns den verborgnen Pfad hoch über den Kiölengratzur nächsten Stadt in Norreland, denn wider sie ist unsre Hand."
Doch er mit männlichem Erröten: „Unmögliches verlanget ihr! sThür!"Wann hielt's ein Normann mit den Schweden? Ihr kamt nicht vor die rechte
4. Und sie mit wilder Ungeduld: „Ob ungern, oder ob mit Huld —
das gilt uns gleich! Du hast die Wahl nur zwischen Gold und hartem Stahl.Ein nächt'ger Gang von wenig Meilen befreit dich schnell von aller Not.Bleibst du, so stirb! und mit dir teilen dein Weib und Kind den Rachetod."
5. Zusammen brach der kräft'ge Mann! Der Schweiß von seiner Stirne rann;zwiespältig ringt in ihm der Geist, bis sich empor der Normann reißt
und spricht das Wort voll Grimm und Schmerzen: „Ihr Jünglinge, vergelt'
euch Gott,
daß ihr mit eines Mannes Herzen treibt solch unmenschlich Spiel und Spott!
6. Mohlan, nicht um den eignen Leib, nur um die Kindlein und mein Weibfüg' ich mich eurem harten Zwang; den Sündensold ich nicht verlang'!"
Er wendet sich ins Haus und bindet die Schneeschuh an den Knöcheln fest,ergreift den hohen Stab und zündet die Leuchte an dem Kvhlenrest.
7. Uoch einmal fällt sein trüber Blick auf seine Teueren zurück:
Sie schlummern ohne Sorg' und Harm so selig, wie in Gottes Arm.
Und leise spricht er seinen Segen; dann tritt er vor den Kriegerzug;er schreitet aus, und rasch entgegen dem Hochgebirge geht's im Flug.
8. Da saust der Skie, da stäubt der Schnee; aus braunen Nebeln schwankt dievorüber fliegt im Geisterreihn der Wassersturz, der Fels, der Hain. sHöh';Im Schwung und Sprung auf glatten Sohlen durchbraust der Haus' die
Winterflur;
es keucht der Sturm, ihn einzuholen, und tilgt die flücht'ge Menschenspur.
9. So durch der Schluchten Loppelnacht zur Höh, wo die Lawine kracht,und ob des Meßbuchs schwanken Steg führt er sie den verborgnen Weg.Dem matten Scheine der Laterne folgt keck der rasche Kriegerhauf',
und endlich hebt sich in der Ferne die schwerbedrohte Stadt herauf.
10. Dort liegt sie, — einsam Turm und Thor, kein Lichtlein schimmert draus hervor,und wie die Wolke trüb und schwer, liegt Mitternachtsschlaf drüber her. —Er sieht's mit Gram, hört die Bedränger jetzt kühner stürmen Lurch das Feld,merkt, wie der Feind sich immer enger an seine flücht'gen Fersen hält.
11. Gr schaut hinüber, schaut zurück, und alles flirrt vor seinem Blick;
es rüst aus jedem Busch und Rohr: „Normann, halt ein! was hast du vor?"Da muß er vor sich selbst erbeben; er seufzet, bis zum Tode matt:
O Herr, nimm hin mein schuldig Leben, errette nur die gute Stadt!"