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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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gab er anfangs immer ausweichende Antwort. Erst als einige derobersten Staatsbeamten förmlich in ihn drangen, nannte er ihnen denMann. Alle schüttelten mit bedenklicher Miene den Kopf, doch mußteJeder gestehen:Ich weiß nichts Schlechtes von ihm!"

Der Tag verstrich dem Stadtschreiber und seinen Vertrautenunter dem Wechsel von Furcht und Hoffnung. Sie berechneten, daßauch der trefflichste Läufer mehr als 24 Stunden brauche, um nachAltorf und wieder zurück zu gelangen, ganz abgesehen von den Um-wegen über Schwyz und Stans. Leicht konnte dem Manne etwasbegegnen; noch war die Jahreszeit hart und der Tag kurz; auf demZüricher- oder Vierwaldstättersee konnten ihn widrige Winde aufhalten.In solcher Stimmung erwarteten der Stadtschreiber und seine Freundeden Ablauf der 24 Stunden.

Man denke sich die freudige Erregung, als der sehnsuchtsvoll Er-wartete, sein gegebenes Wort einlösend, beinahe um dieselbe Stundeeintrat, in welcher er sich in der vorigen Nacht auf den Weg gemachthatte.Hier bin ich wieder", sprach er,und da ist die Bescheinigungvom Landammann von Stans, daß ich die Briefe richtig abgelieferthabe. In meiner Gegenwart ordnete er zwei Eilboten mit den Briefenan Uri und Schwyz ab. Der weitere Erfolg steht in Gottes Hand.Ich habe meine Pflicht erfüllt; jetzt bin ich müde und muß Ruhesuchen. Gute Nacht, meine Freunde!" Er eilte aus dem Zimmer;nur Bewunderung und stummen Dank konnte man ihm beweisen.

Sie sind doch der biedere, der edle und großherzige Patriot, denich mir dachte," sprach der Stadtschreiber, als er ihm die Treppe hinunter-leuchtete.Wir können es Ihnen nicht vergelten, was Sie gethan haben,"rief er ihm nach. Aber dieser erwiderte:Was hab' ich denn mehr gethan,als meine Pflicht? Möchte nur das Vaterland damit gerettet sein!"

Leider war es nicht gerettet. Aber als dann die frechen Eindring-linge auch in Zürich standen und sich in ihrem Siegesstolze wie un-umschränkteHerrscher gebärdeten, da war es derselbe unerschrockene Mann,der, die Drohungen und die Rache der Franzosen nicht scheuend, seineeingeschüchterten Mitbürger aufs entschiedenste aufforderte, die stolzenAnmaßungen, die dem Lande auch die letzte Spur von Freiheit raubenwollten, mit Entrüstung zurückzuweisen. Dieser biedere Eidgenosse aberist niemand anders als der durch seine aufopferungsvolle Durchführungder Linthkorrektion zum Wohlthäter einer ganzen Gegend gewordene