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ordnungslose Zustand gegenüber der grenzenlosen Verwilderung, Unrein-lichkeit, Frechheit, Unwahrhafligkeit, Verschlossenheit, Trägheit, welche eran den Kindern mit Schmerzen wahrnehmen mußte. Aber Pestalozziwollte ihnen helfen; mit einem Herzen voll Liebe stand er unterihnen, um alle Gebrechen in Sanftmut und Selbstverleugnung zuheilen. Er war den Kindern alles in allem: ihr Herr und ihr Be-dienter, ihr Vater und ihre Mutter, ihr Aufseher und ihr Kranken-wärter, ihr Lehrer und ihr Unterrichtsbuch, denn er hatte sonst keines.Alle Stunden seines Tages und alle seine Kräfte gingen in ihremDienste auf; auch die niedrigsten Arbeiten achtete seine Liebe hoch, undauch die unangenehmsten wies sein Herz nicht von sich. Unverzagt setzteer sein Werk fort. Er vertraute den Kräften der menschlichen Natur,die Gott auch in die ärmsten und vernachlässigtesten Kinder gelegt hat,und war überzeugt, seine Liebe werde den Zustand dieser Verwahr-losten so schnell ändern, wie die Frühlingssonne den erstarrten Bodendes Winters. Und er irrte sich nicht; ehe die Frühlingssonne den Schneeauf den Alpen schmelzte, kannte man seine Kinder nicht mehr.
Aber wie ward ihm in so kurzer Zeit so Großes möglich? Erzeigte ihnen, daß er mit solcher Liebe für sie sorge, wie es nur derbeste Vater thun könne. Er war vom Morgen bis zum Abend alleinin ihrer Mitte. Alles, was ihnen an Leib und Seele Gutes geschah,ging aus seiner Hand. Voll inniger Liebe blickte sein Auge in dasihrige und umfaßte seine Hand ihre Händchen. Ihr Kummer und Wehbewegte auch ihn, und ihr Lachen machte auch ihn fröhlich. Sie warennur bei ihm und er nur bei ihnen. Er aß aus derselben Schüssel undtrank aus dem gleichen Kruge wie sie. Waren sie gesund, so stand er inihrer Mitte; waren sie krank, so war er an ihrer Seite. Er schlief inihrer Mitte und war am Abend der letzte, der ins Bett ging, und amMorgen der erste, der aufstand. Er betete und lernte noch im Bettmit ihnen, bis sie einschliefen. So war er ihnen der treueste Vaterund die liebevollste Mutter zugleich. In seiner Liebe, Hingebung undAufopferung lag eine solche wunderbare Segenskraft, daß die achtzigverwilderten Bettelkinder bald so friedlich, dienstfertig und herzlich gegeneinander waren, wie man es nur bei guten Geschwistern sieht.
Eines Tages versammelte Pestalozzi seine Kinder um sich undsprach zu ihnen: „Denkt euch, Altdorf ist verbrannt! Vielleicht sind indiesem Augenblicke hundert Kinder ohne Obdach, ohne Nahrung, ohne