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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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Kleider mit ihnen teilen müssen; besinnt euch wohl, ob ihr das umihrer Not willen auch gern und aufrichtig auf euch nehmet". Da riefensie:Ach, laß sie kommen, Vater! Wir wollen ja gern mehr arbeitenund schlechter zu essen bekommen!" So weckte er in ihnen die edlenGefühle der Nächstenliebe und Selbstverleugnung.

Beim Unterrichten halfen die Kinder mit, indem die vorgerückterenden zurückgebliebenen gern und geduldig zeigten, was sie mehr undbesser konnten als diese, und viele lernten und lehrten mit unermüd-lichem Eifer; so sollten sie einst als Vater und Mütter ihre eigenenKinder lehren. Gerade, weil der treffliche Mann seine Kinder so liebte,so war er bei aller Güte doch auch wieder sehr streng gegen böse Ge-sinnungen, wie Hartherzigkeit und Unlauterkeit, und wandte dannauch die Rute an. In den ersten Wochen waren mannigfache Krank-heiten, Keuchhusten, Fieber mit Erbrechen eingetreten. Aber die Ein-fachheit des Nahrungsmittels, das fast jeden Tag in Habermus be-stand, und die unermüdliche Sorgfalt Pestalozzis brachte diese Krank-heiten bald zum Weichen, und die Kinder wurden von Monat zuMonat kräftiger und blühender.

Kummer und vielfache Kränkung bereiteten dem guten Mannedie oft undankbaren und sogar unverschämten Angehörigen der Kinder.Sie meinten, er müsse froh sein, daß sie ihm die Kinder überließen,denn sie könnten diese sonst gut zum Betteln brauchen; oder da unddort sagte eine thörichte Base oder Mutter zu einem Kinde:Ach,du armes Kind, wie hast du's hier so übel und mußt so viel lernenund arbeiten", und suchte so das Kind unzufrieden und abspenstigzu machen. Manche auch holten ihre Kinder einfach wieder weg, so-bald sie gereinigt und frisch gekleidet waren. Es ging lange, bis derMann für alle seine Hingebung einigen Dank erntete.

So lebte Pestalozzi fast ein Jahr lang unter seinen Kindern.Da kamen die Kämpfe der Russen und Österreicher gegen die Fran-zosen. Die Regierung sagte, sie brauche jetzt das Kloster als Lazarettfür die verwundeten Soldaten. Unter Thränen entließ Pestalozziseine armen, lieben Pflegebefohlenen und verließ das Land, krank vonÜberanstrengung und voll Schmerz darüber, daß er sein Liebeswerkaufgeben mußte, nur weil die Regierung keinen Platz mehr für ihnund seine Schar zu haben glaubte.