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Endlich mußten sie aber der Übermacht und dem ungestümen Andrangder Russen weichen.
Im Hospiz wurde der russische Feldherr von dem 70jährigen Priorzu einen: einfachen Mahle (Kartoffeln und Erbsen) eingeladen. „Nein,ehrwürdiger Pater", sprach Suwörow, „so hungrig wir auch sind, somüssen wir doch vor allem zu Gott beten. Halten Sie ein Dankgebet,hernach gehen wir zu Tische." Noch am gleichen Abend marschierten dieRussen nach Hospenthal. Der französische General Loison zog sich nachGöschenen zurück, da fast zu gleicher Zeit Rosenberg vom Oberalppaßherunter in Andermatt eintraf.
Der folgende Morgen brachte den denkwürdigen Kampf um dieTeufelsbrücke. Das Urnerloch war mit Felsblöcken angefüllt worden;auch hatten die Franzosen ein Geschütz daraus gerichtet. Jenseits derTeufelsbrücke standen zwei Bataillone. Als die Russen den Durchgangversuchten, waren ihre Verluste so groß, daß sie die Unmöglichkeit ihresUnternehmens sofort erkannten. So suchten sie den gefährlichen Schlundzu umgehen. Eine Kolonne von 300 Mann erstieg den Felsen über demUrnerloch, um gegen die Schöllenen hinabzusteigen. Natürlich verließenjetzt die Franzosen sofort ihre Stellung, um sich über die Brücke zurück-zuziehen. Aber schon hatten ihre Kameraden dieselbe gesprengt und sieabgeschnitten. Mit dem Mute der Verzweiflung kletterten und sprangensie von den Felsen hinab in die Reuß, um auf der andern Seite wiederemporzuklimmen; doch kamen die meisten dabei ums Leben. — Und nunbegann ein Kampf auf Leben und Tod um die Brücke. Von ihrer wohl-gedeckten Stellung jenseits der Reuß aus unterhielten die Franzosen einmörderisches Feuer. Vergebens suchten manche Russen die Reuß zudurchwaten. Endlich gelang es ihnen, einige Balken über die Lücke desBrückenbogens zu legen, über welche mehrere Offiziere zuerst hinüber-drangen. Der erste erlag einer feindlichen Kugel; der zweite brach durchund fiel in die Tiefe, und auch die folgenden hätten wohl nicht ihr Zielerreicht, wenn nicht zu gleicher Zeit eine zweite Umgehungskolonne vomBätzberg herabgestiegen wäre und die Franzosen zum Rückzüge genötigthätte. In der Nacht kamen die Russen nach Wasen und rückten untersteten Kämpfen bis nach Altdorf vor. Lecourbe besetzte das linke Reuß-nfer und nahm alle Schiffe vom Urnersee weg.
In Flüelen vernahm Suwörow zu seinem größten Schrecken, daßkeine Straße längs des Sees nach Brunnen führe. Er befand sich des-halb in einer bedenklichen Lage. Doch der 69jährige Greis verlor auchda den Mut nicht. Ohne seinen Truppen auch nur einen Tag Ruhezu gönnen, führte er sie über den Kinzigkulm ins Muottathal in derAbsicht, von dort aus Schwyz zu gewinnen. Es war fast Vermessenheit,auf einem schlechten Jägersteig, der noch nie von Soldaten betretenworden war, über das gefährliche Gebirge zu ziehen. Das ganze Heermußte in einer Kolonne, Mann hinter Mann, mühsam aufwärts steigen.
Schweiz. Jugendfreund. 25