Die grausigen Klüfte wurden manchem zum Grab. Die Lasttiere undKosakenpferde stießen sich an den Klippen die Hufe ab und konnten mitden Vorräten nicht mehr fort, oder stürzten mit den Reitern in unab-sehbare Schlünde. Am schlimmsten litt die Nachhut, da sie sich derAngriffe nacheilender Franzosen zu erwehren hatte. Müde und matt,halb in Auflösung begriffen, langten die Russen im Thal der Muottaan. Da kam die erschütternde Kunde vom Schicksal Korsakoffs undHotzes. Alle Aussichten auf einen glänzenden Sieg waren vernichtet.Am frühen Morgen berief Suwörow den Kriegsrat. Nachdem er alleAnwesenden mit dem ihm eigenen feurigen Blick gemessen hatte, spracher mit feierlicher Stimme: „Korsakoff ist geschlagen und hinter denRhein zurückgeworfen; Hohe ist gefallen und sein Korps zerstreut. Unserganzer Plan ist vereitelt. Wir befinden uns jetzt mitten im Gebirge undsind von einem überlegenen Feinde eingeschlossen. Zurückgehen — istschimpflich; ich bin noch nie zurückgewichen. Vorwärts nach Schwyz istunmöglich: Massena hat über 60 000 Mann, wir deren kaum 20 000;zudem sind wir ohne Proviant, ohne Munition, ohne Artillerie; vonniemand können wir Hilfe erwarten. Wir stehen am Rande des Ver-derbens. Jetzt bleibt mir nur die einzige Hoffnung auf den lieben Gottund auf die Tapferkeit und Selbstverleugnung meiner Truppen. Rettetdie Ehre Rußlands, rettet den Sohn unsers Kaisers!" Bei diesenWorten warf sich Suwörow dem Großfürsten zu Füßen, und Thränenentströmten seinen Augen. Keiner der Anwesenden hatte den harten,rauhen Feldherrn jemals in solcher Erregung gesehen. Er, dessen eiserneWillenskraft von aller Welt angestaunt ward — er weinte jetzt vortiefem innerem Gram! Hundert andere Heerführer hätten sich in solcherLage dem Feind ergeben. Nicht so Suwörow.
Während die Nachhut zwei Tage lang unter erbitterten Kämpfenim Muottathal den Abzug der Armee gegen die Feinde deckte, überstieger den Pragel, drängte die sich hartnäckig verteidigenden Franzosen ausdem Klönthal zurück und langte am ersten Oktober in Glarus an. Anein Durchbrechen nach dem Walensee war nicht zu denken. Der Kriegs-rat beschloß deshalb, die Armee über den Panixerpaß ins Rheinthalund damit außer den Bereich des Feindes zu führen.
In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober verließen die Truppenin aller Stille ihre Lager; nur eine Borpostenkette von Kosaken blieboberhalb Netstall stehen, um dem Feind so lange als möglich den Ab-marsch zu verbergen. Die 1500 Verwundeten mußten in Glarus zu-rückgelassen werden, weil es an jedem Transportmittel fehlte. Über dentraurigen Zug durchs Kleinthal berichtet ein Augenzeuge: „O Gott,wie litten diese Leute einen Hunger! Sie boten einen Sechslivresthalerfür ein Brod, aber niemand konnte ihnen geben. Als sie in die Ge-meinde Elm kamen, hausten sie erbärmlich aus Not, nahmen den LeutenKuh, Schwein, Geiß und Schaf und schlachteten sie."