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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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388
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Jetzt begann der Übergang über den Panix er paß. Der russischeOberst Miljutin schildert ihn folgendermaßen: Die Nacht war dunkelund feucht; der Schnee fiel in dichten Flocken; es war nicht einmalHolz vorhanden, um Feuer zu machen. Die Dunkelheit benutzend, näher-ten sich die Franzosen auf Flintenschußweite. Während der ganzen Nachtwaren wir auf den Angriff gefaßt; von jedem Bataillon durfte immernur ein Teil der Mannschaft abwechselnd ruhen. In der Morgenfrühedes 6. Oktober gelang es uns, eine ziemlich weite Strecke zurückzulegen,bis der Feind bei Anbruch des Tages unsern Rückzug gewahr wurde.Der Weg, welcher uns jetzt bevorstand, war noch schwieriger als allefrüheren Übergänge; der enge Pfad, auf welchem nur ein einzigerMann gehen konnte, zog sich oft am Rande schauerlicher Abgründe hin.Durch andauernden Regen war er völlig ungangbar geworden. BeimBeginn des Aufstieges blieben die Truppen in dem tiefen Kote steckenund konnten kaum die Füße wieder aus demselben herausziehen; oftrutschten sie aus und stürzten in die Tiefe hinab. Auf der Berghöhemachte der während der Nacht gefallene Schnee den Pfad unkenntlich.Dichte Wolken hüllten das Gebirge ein, so daß man nicht das Geringstevor sich unterscheiden konnte. Die von Elm mitgenommenen Führer ent-liefen, und die Truppen mußten, in den zusammengewehten Schnee ein-sinkend, sich selbst den Weg suchen.

Alle ohne Ünterschied, Soldaten, Offiziere und Generale, warenhalb barfuß, hungrig, entkräftet und bis auf die Knochen durchnäßt.Jeder falsche Schritt kostete das Leben. Ein Offizier stürzte mit deinPferde rücklings in den Abgrund. Auf gleiche Weise gingen gegen ZOOLasttiere jämmerlich zu Grunde. Alle noch übrigen Geschütze mußtenzurückgelassen werden.

Ohne Rast zog die Kolonne den ganzen Tag über den Bergrückenhin, und dennoch langte nur die Vorhut mit einem Teil der Lasttierebei dem Dorfe Panix an. Die übrigen Truppen hatten am Abend nochnicht einmal den Gipfel des Berges erreicht. Das ganze Heer machtein der Stellung, in welcher das nächtliche Dunkel es erreichte. Halt;nicht imstande weiter zu gehen, streckten sich die Leute auf den glattenSchnee nieder oder lehnten sich an Felsstücke an und brachten so dieNacht zu. Um das Elend voll zu machen, trat eine solche Kälte ein,daß viele Soldaten erfroren. Der General selbst wärmte sich an einemFeuer, das man mit den Schäften von Lanzen nährte; denn kein Baum,kein Strauch wuchs auf dem steinigen Untergrund. Der Weg wurdeäußerst glatt und dadurch der Abstieg nur noch gefährlicher. Der scharfeWind trieb die kleinen Eisnadeln, welche die Luft dicht erfüllten, denUnglücklichen ins Gesicht, sie fast. des Gefühls und der Besinnung be-raubend. Gedankenlos setzten sie ihren Weg fort. Bald nachdem mandie Paßhöhe überschritten hat, biegt dieser nach rechts um; die Soldaten,geradeaus gehend, gelangten an den Rand eines Abgrundes, und einer