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sss. Das Auge der Nächstenliebe.
Nach L. Pestaloz;!. Tie christliche Lehre in Beispielen.
Eines Tages ging die durch ihre hingebende Liebesthätigkeit aus-gezeichnete Elisabeth Fry ssprich: Freyj mit ihrem Bruder durch einesehr belebte Straße der Weltstadt London. In dem Gewühl der Hunderteund Tausende von Menschen, die in geschäftiger Hast an ihnen vorüber-eilen, bemerkt ihr von edler Nächstenliebe geschärftes Auge die gram-vollen Züge eines immerhin anständig gekleideten Frauenzimmers. Raschgeht sie auf die Unbekannte zu und redet sie teilnehmend an: „Dusiehst bekümmert aus, kann ich dir nicht helfen?" Zuerst zurückgewiesen,läßt Elisabeth doch nicht ab und führt jene in das Haus ihres Bruders.Dort erschließt die Fremde endlich ihr Herz der ihr entgegenkommendenTeilnahme und gesteht, daß sie grenzenlos unglücklich und auf demWege gewesen sei, sich aus Verzweiflung in die Themse zu stürzen. —So hatte im rechten Augenblicke noch das treue Auge der Nächstenliebedie Unglückliche unter Tausenden herausgefunden und gerettet.
24«. Drei Tage und zwei Lieder.
W. O. von Horn.
I. ,,^u, wie kalt! Müssen einheizen, Herr Professor!" So sprachzu dem Dichter Geliert sein Arzt, ein kleiner, dicker Mann. „WollenSie sich denn ganz verderben? Sie müssen wärmer sitzen". Gellertlächelte wehmütig. „Mein Holz hat die Schwindsucht", sagte er, „undmein Geld dazu. Doch, Herr Doktor, seien Sie zufrieden; ich willschon sorgen". Der Doktor bückte sich über Gellerts Schreibtisch undsagte fragend: „Ah, ein neues Lied?" — Gellert nickte mit verlegenemGesichte. Der Doktor hielt es gegen das mit Eisblumen gezierte Fen-ster, und als er das Lied gelesen, sprach er: „Vortrefflich! ein echtchristlich Lied. Lieber Herr Professor, das muß ich für meine Frauabschreiben. Morgen erhalten Sie's wieder". Dann fühlte der DoktorGellerts Puls und sagte: „Immer noch langsam; das Sitzen ist einElend für Sie. Sollten einen Gaul haben, sollten reiten! Müssenein Pferd kaufen!" — „Schon wieder kaufen! Haben Sie nicht nochmehr solche wohlfeile Rezepte, Herr Doktor? Kommen mir jetzt sehrgelegen", erwiderte Gellert mit traurigem Lächeln. — Der Doktor ent-fernte sich wieder. Gellert verfiel ins Nachsinnen. Gestern hatte ernoch dreißig Thaler, heute nichts mehr; sein Holz langte höchstens noch