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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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512
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S12

acht Tage; Einnahmen waren nicht zu erwarten. Wo waren denn diedreißig Thaler von gestern hingekommen?

In einer abgelegenen, kleinen Gasse der Stadt Leipzig war einHäuslein, das gehörte dem reichen Geizhals Neidhardt. Es war einjämmerliches Gebäude, brachte aber doch noch seine Zinsen. Schonseit Jahren wohnte ein armer, gottesfürchtiger Schuhmacher mit Frauund vielen Kindern darin. Die Sorge ums tägliche Brot war hierzur Herberge, und es ging ihnen recht kümmerlich. Im Sommerhatten sie sich noch so ziemlich durchgeschlagen; aber jetzt war es Winter,Kriegszeit, große Kälte und der Verdienst kümmerlich; zudem nahtedie Zeit der Hausmiete, die zu dreißig Thalern aufgelaufen war, undschon hatte der geizige Neidhardt mit Hinauswerfen gedroht. Da gingdie Frau noch einmal zu dem Hartherzigen; aber der kannte kein Er-barmen. Kniefällig, unter tausend Thränen bat sie um Geduld; siehätten ja immer ehrlich bezahlt. Alles war umsonst. Es nahte derschreckliche Tag. Der Kummer hatte den Ernährer aufs Krankenbettgeworfen. Kalte Luft drang durch die verlöcherten Fenster, und sechsunmündige Kinder standen um den kalten Ofen, frierend, hungernd,weinend. Der Mutter wollte das Herz brechen. Der Vater aber sprach:„Gott hat gesagt: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten,und du sollst mich preisen. Kommt, wir wollen beten!" Der Vaterbetete inbrünstig, gläubig. Und als er Amen gesagt, leuchtete einStrahl frohen Vertrauens ins malte Herz. Die Mutter aber ging mitzwei Kindern hinaus auf den Zimmerplatz, Späne aufzulesen. Es warein Heller Wintertag; ein kalter Ostwind blies mit schneidender Schärfedurch die dünnen Röcklein der Armen, daß sie zitterten vor Frostund Hunger.

Zu eben dieser Zeit war Gellert ausgegangen, seiner Gesundheitwegen, und folgte im warmen Pelzrocke der Mutter und den Kindernnach. Die Kinder waren vorausgesprungen, die Mutter kam langsamenSchrittes nach, und unter hellen Thränen setzte sie sich auf einen Steinnieder. Gellert kannte Kummer und Not. Bei kärglichem Einkommenund dreizehn Kindern waren beide oft in seinem Vaterhause zu Gastgewesen. Darum ging er leise zu der Armen und fragte sie so herz-inniglich nach ihrer Not, daß seine Worte ihr tief in die Seele drangen,und sie all ihren Kummer und Jammer dem unbekannten Herrn mit-teilen konnte, wie Neidhardt sie heute oder morgen zur Herberge hin-