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Unglücklichen zu helfen, als seinen Beutel zu füllen. Eines Tageserwachte er aus seinem Halbschlummer auf dem Schmerzenslager. Ersah Babeli geräuschlos in der Stube walten. Seine drei Kinder schautendurch die Thür der Nebenstube gewunderig nach dem armen Vater,der gar nicht aufstehen wollte, obwohl es bald Mittag war. „Babeli!"rief der Kranke mit schwacher Stimme, und sogleich war das Mädchenan seinem Bette und beugte sich zu ihm nieder. „Babeli!" sagte er,„ich muß sterben! Um Gottes und aller Erbarmen willen verlasse meineFrau nicht! Wenn ich tot bin, ist sie verloren, und meine Kinderkommen in harte, fremde Hände. Sie ist ohne Beistand nicht imstande,meine Kinder bei einander zu erhalten".
„Ich verlasse Ihre Frau nicht, wenn Sie sterben sollten. Ichbleibe bei ihr bis in den Tod, wenn sie mich nötig hat". So sagtedie treue Magd. Da reichte ihr der Sterbende die Hand, lächelte dasedle Mädchen an und sagte: „Ich danke dir, Babeli, du Gute! Dumachst mir das Sterben leicht, Gott lohne deine Treue!"
Die treue Magd hielt, was sie ihrem sterbenden Herrn gelobt hatte.Sie blieb bei der gebeugten Witwe, arbeitete und sparte und darbte,damit es den Waisen an nichts fehle. Der kleine Heinrich war ihrLiebling, weil er ihrer Liebe und Pflege am meisten bedurfte. Nie kamihr der Gedanke, mit der Erfüllung ihres Versprechens aufzuhören. Ihreinfacher, frommer Glaube band sie wie mit einem Eide daran, wieschwer es ihr auch manchmal wurde. Es war die äußerste Sparsamkeitim Haushalte nötig, wenn man auskommen wollte. Uni einen KorbKraut oder Obst einige Kreuzer wohlfeiler zu kaufen, ging Babeli wohldrei- bis viermal auf den Markt und paßte auf den Augenblick, wodie Marktleute gern wieder heim wollten. Wenn die Kinder auf dieGasse oder an irgend einen Ort wollten, wo sie nichts zu thun hatten,da hielt sie Babeli mit den Worten zurück: „Warum wollt ihr dochunnütz Kleider und Schuhe verderben? Seht, wie eure Mutter so vielentbehrt, um euch ordentlich zu erziehen! Wochen- und monatelanggeht sie nicht fort und spart jeden Kreuzer, den sie für eure Erziehungnotwendig braucht!"
Von sich selbst und von dem, was sie sich abbrach und den Kindernopferte, redete das edle Mädchen nie ein Wort. Die Pflicht war ihrselbstverständlich. An dem, was die Ehre des Hauses forderte, ließ siees nie fehlen. Alle Ehrenausgaben, wie Almosen, Trinkgelder, Neujahrs-