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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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staunte Gattin fragte:Willst du nicht helfen, Herzlichste, das un-glückliche Kind für Gott und die Welt zu retten?" da war sie herzlichgern bereit dazu. So sammelte der edle Menschenfreund von den Land-straßen, auf den Feldern und in den Dörfern eine ganze Anzahl ver-wahrloster Kinder, denen er im Neuhof eine Heimat bereitete. Nebender Scheune wurden Räume zur Arbeit, zum Wohnen und zum Schlafenerstellt. Im Sommer mußten die Kinder bei günstiger Witterung aufdem Felde arbeiten; im Winter waren sie beschäftigt, aus BaumwolleGarn zu spinnen und zu spulen und Tuch zu weben. Daneben lerntensie lesen, schreiben und rechnen. So hoffte Pestalozzi die leiblichen undgeistigen Kräfte der Kinder zu entwickeln und durch fleißige Übungdie Lust zur Arbeit zu wecken.

Seine Pläne für die Armenerziehung erregten bei allen Freundendes Volkes großes Aufsehen. Von allen Seiten führte man der neu-gegründeten Anstalt auf dem Neuhofe Bettelkinder zu, so daß ihreZahl bis auf 50 stieg. In einer vielgelesenen Zeitschrift wurde dasgemeinnützige Unternehmen empfohlen, und von verschiedenen Seitenher sandte man Geldbeiträge.

In dem großen Hauswesen war die Liebe der gute Hausgeist.Pestalozzi und seine Gattin waren Tag und Nacht beschäftigt, die ver-zogenen und verwahrlosten Bettelkinder an Ordnung und Reinlichkeit,Fleiß und Aufrichtigkeit zu gewöhnen. Jeden Augenblick gab es Streitzu schlichten, Verkehrtes zu verbessern, Handgriffe zu zeigen. Bei dieserverzweigten Thätigkeit fehlten die nötigen Hilfskräfte und die klare Über-sicht. Pestalozzi fing eins nach dem andern an, um die Kinder viel-seitig zu beschäftigen. Er ließ sehr feine Gewebe anfertigen und triebeinen großen Handel mit den Erzeugnissen des Landes und der Haus-industrie. Weil ihm die erforderlichen Kenntnisse mangelten, erlitt er Ver-luste über Verluste. Dazu kam Ärger über Ärger mit seinen Pfleglingen.

Manche derselben scheuten jede Anstrengung wie Gift. Sie ließensich im Neuhof wohl reinigen und kleiden, aßen sich satt und entflohendann in den Sonntagskleidern bei Nacht und Nebel aus der Anstalt.Umsonst teilte Vater Pestalozzi alles, was erhalte, mit ihnen; ja, erbegnügte sich oft mit einem Stück Brot, um den Kindern etwas Besseresgeben zu können; die guten Erdäpfel ließ er ihnen und behielt diegeringen für sich. Trotzdem verleumdeten sie ihn, er ließe sie hungernund speise sie mit Futter, das besser für Schweine passe. Jeden Sonntag