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Arbeit ein befriedigendes Lebenslos zu erlangen sei. Er arbeitete un-ermüdlich von früh bis spät, um überall mit gutem Beispiel voranzugehen.Nur zu bald zeigte es sich leider, daß der Boden unfruchtbar war undsich für den Krappbau nicht eignete. Pestalozzis treue Gattin opferte,was sie hatte, ohne zu zagen und zu klagen. Weil bei dem landwirt-schaftlichen Unternehmen der Gewinn ausblieb, verlor jener Bankier inZürich das Vertrauen in Pestalozzis Tüchtigkeit. Dadurch geriet dieserin große Verlegenheit. Seine Schulden mehrten sich, da er auch mitdem Kleebau so wenig Erfolg hatte, wie bei der Krappkultur. Mittenin seiner eigenen Not faßte er den edlen Entschluß, dem Elend desVolkes, das er rings um sich her kennen gelernt hatte, zu wehren durchGründung einer Armenanstalt. Die Schar der einheimischen Bettlerwar damals so zahlreich, daß die zürichcrische Regierung auf die dreiersten Tage jedes Monats eine eigentliche Betteljagd anordnete. Auchim Kanton Aargau streiften viele hungernde und bettelnde Kinder umher.
An einem Herbstmorgen ging Pestalozzi sinnend über seine Felder.Da sah er aus einem Kleehaufen zwei nackte Kinderfüße gucken. Erfaßte sie und zog daran. „Au!" schrie eine Stimme, und die Beineverschwanden so rasch, wie eine Schnecke ihre Fühler einzieht. „Kommheraus aus deinem Haus!" rief Pestalozzi; „ich thu'dir nichts!" Dawühlte sich ein zehnjähriger Knabe aus dem sonderbaren Bette. Inseinen wirren schwarzen Haaren regten sich Tierlein, die man nicht gernenennt. Das Wams war zerrissen. Aus dem Gesicht sprachen Trotz,Verlegenheit und Angst. Durch langes Fragen erfuhr Pestalozzi, daßder kleine Landstreicher, der sich „Joggeli" nannte, seiner Mutter ent-laufen war; sie hatte ihn grün und blau geschlagen, weil er ihr nichtgenug Geld zusammengebettelt hatte. Der arme Junge wollte nicht mehrzu ihr zurückkehren, sondern durch Betteln und Stehlen seinen Unterhaltselber suchen. „Ich wüßte etwas viel Besseres für dich!" sagte Pestalozzi.„Bleib bei mir! Du sollst gute Kleider, ein warmes Bett und ordent-liches Essen bekommen!" Der Bursche sah den Mann groß an undfragte: „Was willst du denn mit mir machen?" — „Einen guten undglücklichen Menschen, der nicht bettelt und stiehlt!" war die Antwort.Nach einigem Besinnen entschloß sich der Knabe, mit Pestalozzi nachHause zu gehen. Mißtrauisch sah er zuweilen auf die Seite, ob ihmder Mann nicht eins mit dem Stocke versetze, oder schaute sich ängstlichum, ob nicht die Häscher hinter ihm her seien. Als Pestalozzi seine er-