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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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unterrichtete er die Hälfte der Kinder. Er mußte mancherlei Anfechtungenerdulden, weil er dabei nicht nach gewobnter Weise verfuhr. Bald fander in der bürgerlichen Schule, einer sog.Lehrgottenschule", Zutritt, woihm 58jährige Kinder übergeben waren. Unermüdlich setzte er seineBeobachtungen über die einfachste und naturgemäßeste Unterrichtsweisefort, und in der Osterprüfung 1800 fanden seine Leistungen bei derSchulbehörde endlich Anerkennung. Als infolge der schlimmen Kriegs-jahre so viele Kinder aus der Ostschweiz auswanderten, kam unter derFührung des jungen Lehrers Hermann Krüsi eine Schar armerAppenzeller Kinder nach Burgdorf. Er gewann an Pestalozzi einenväterlichen Freund und vereinigte die Schülerschar mit der seinigen.Die helvetische Regierung überließ den beiden Männern das BurgdorferSchloß zur Erziehungsanstalt. Die Kinder waren voll Frohsinn undLernlust. Erstaunt sahen Einheimische und Fremde, wie ein neuer Geistdas Haus belebte; immer neue Schüler strömten zu, und Pestalozzi fandweitere treue Gehilfen für die Unterrichtsarbeit, die mit ihm ein Herzund eine Seele waren. Das fröhliche Gedeihen der Anstalt und dieüberraschenden Unterrichtserfolge brachten dem oft verkannten Mannehohes Lob in weiten Kreisen. Doch schon im Herbst 1804 mußte leiderPestalozzi das schöne Schloß räumen; denn die neue Werner Regierungwollte es als Sitz eines Oberamtmanns verwenden. Er siedelte nntseinen Kindern für kurze Zeit nach Münchenbuchsee über und vereinigtesich dort mit Fellenberg, der eine ähnliche Anstalt leitete.

Im Jahre 1805 folgte Pestalozzi einer Einladung der waadt-ländischen Regierung und verlegte seine Erziehungsanstalt in das alteSchloß zuAverdon oder Jferten. Hier kam sein Institut zu Welt-ruf. Aus ganz Europa pilgerten Männer hierher, die für Jugend-erziehung und Volkswohl ein Herz hatten. Reiche Leute in Deutschland,Dänemark, Frankreich, England und Rußland sandten ihre Knaben nachAverdon, um sie von Pestalozzi erziehen zu lassen. Unter den Zöglingenherrschte oft ein Sprachengewirr wie beim Turmbau zu Babel. Einsichtigeund wohlwollende Regierungen, voran die preußische, sandten jungeMänner zu Pestalozzi, damit sie seine Erziehungsweise erlernten undin die Heimat verpflanzten. Pestalozzische Lehrer wurden nach allenSeiten hin verlangt. Edle Fürsten und Herren unterstützten sein Unter-nehmen durch Geldzuschüsse und ehrten den greisen Erzieher durch Briefeoder Besuche. Der Gedanke einer bessern Erziehung hatte damals alle