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Kreise ergriffen. Die ersten Zeiten in Uverdon waren die glücklichstenin Pestalozzis Leben. Die Gesamtzahl der Zöglinge stieg bis gegen 150.Die Thätigkeit des edlen Menschenfreundes war eine fast übermenschliche.Mit seltenen Ausnahmen war er jeden Morgen um 2 Ubr wach undbegann seine schriftstellerischen Arbeiten; bei dem Gewühl des Tages,zwischen Zöglingen, Lehrern, Gästen, sagte er wohl einem besuchendenFreund als Ausdruck seines innern Glücks: „Es gad ung'hür."
Allein Kummer und Sorgen blieben ihm auch hier nicht erspart.Den schwersten Verlust erlitt Vater Pestalozzi im Dezember 1815;seine treue Gattin, die durch weisen Rat und herzliche Hingebung eineStütze der großen Anstalt gewesen war, starb nach langem Leiden. Oftkonnte man von da an den Greis stundenlang an ihrem Grabe unterden Baumkronen des Schloßgartens sehen, in sich versunken und stillweinend. — Noch Schlimmeres stand ihm bevor; Pestalozzi, der Mannder Liebe, mußte es zu seinem unsäglichen Schmerze erleben, daß seineAnstalt zu Grunde ging an dem Zwiespalt zwischen seinen beiden bestenund liebsten Lehrern, Joseph Schmid und Johannes Niederer. Nurdie eine Freude erlebte er noch, daß durch die neue Herausgabe seinerSchriften ein Reinertrag von nahezu 14000 Gulden erzielt wurde.Diese große Summe behielt jedoch der edeldenkende Btann keineswegsfür sich; er widmete sie feierlich und öffentlich der Gründung einerneuen Armen an stalt. Der erste Gedanke seines Lebens sollte auchsein letzter sein: Den Armen und Unglücklichen in Liebe zu helfen!
5. Sein Lebensende.
Als Pestalozzi im Mai 1825, nach zwanzigjährigem, gesegnetemWirken, gebeugt und gebrochen, sich genötigt sah, seine Anstalt auf-zulösen, da rief er schmerzlich aus: „Wahrlich, es ist mir, als macheich meinem Leben selbst ein Ende, so weh thut es mir!" Lebens-müde kehrte der achtzigjährige Greis auf den Neuhof zurück, wosein Lieben und sein Leiden angefangen hatte. Sein Enkel Gottliebbewirtschaftete das Gut und nahm den Großvater mit Freuden auf.Sein einziger Sohn Jakob war nach langem Siechtum schon 1801gestorben. In der Stille des Neuhofs ward es auch stille in PestalozzisSeele. Wie ein müder Pilger blickte er noch einmal zurück auf seinbewegtes Leben, auf alles, was er gethan und erstrebt, gestritten undgelitten hatte.