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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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Es ist nichts groß, was nicht gut ist; und ist nichts wahr, wasnicht bestehet. Der Mensch ist hier nicht zu Hause, und er geht hiernicht von ungefähr in dem schlechten Rock umher. Denn siehe nur:alle anderen Dinge hier, mit und neben ihm, sind und gehen dahin,ohne es zu wissen; der Mensch ist sich bewußt und wie eine hohe,bleibende Wand, an der die Schatten vorübergehen. Alle Dinge mitund neben ihm gehen dahin, einer fremden Willkür und Macht unter-worfen; er ist sich selbst anvertraut und trägt sein Leben in seiner Hand.Und es ist nicht für ihn gleichgültig, ob er rechts oder links gehe. LaßDir nicht weis machen, daß er sich raten könne und selbst seinen Wegwisse. Diese Welt ist für ihn zu wenig, und die unsichtbare siehet ernicht und kennet sie nicht.

Spare Dir denn die vergebliche Mühe und thue Dir kein Leidund besinne Dich Dein.

Halte Dich zu gut, Böses zu thun.

Hänge Dein Herz an kein vergänglich Ding.

Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondernwir müssen uns nach ihr richten.

Was Du sehen kannst, das siehe, und brauche Deine Augen, undüber das Unsichtbare und Ewige halte Dich an Gottes Wort.

Bleibe der Religion Deiner Väter getreu und hasse die theolo-gischen Kannengießer.

Scheue niemand so viel, als Dich selbst. Inwendig in uns wohnetder Richter, der nicht trügt, und an dessen Stimme uns mehr gelegenist, als an dem Beifall der ganzen Welt und der Weisheit der Griechenund Ägypter. Nimm es Dir vor, Sohn, nicht wider seine Stimme zuthun, und was Du sinnest und vorhast, schlage zuvor an Deine Stirneund frage ihn um Rat. Er spricht anfangs nur leise und stammeltwie ein unschuldiges Kind; doch, wenn Du seine Unschuld ehrst, löseter gemach seine Zunge und wird Dir vernehmlicher sprechen.

Lerne gerne von andern, und wo von Weisheit, Menschenglück,Licht, Freiheit, Tugend rc. geredet wird, da höre fleißig zu. Doch trauenicht flugs und allerdings, denn die Wolken haben nicht alle Wasser,und es giebt mancherlei Weise. Sie meinen auch, daß sie die Sachehätten, wenn sie davon reden können und davon reden. Das ist abernicht, Sohn. Man hat darum die Sache nicht, daß man davon redenkann und davon redet. Worte sind nur Worte, und wo sie so gar

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