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Ein edles Herz glänzt hell und hold, ein gutes ist gediegen Gold.Für was du Gutes hier gethan, nimm keinen Lohn von Menschen an.Geduldig sein — Herr, lehr es mich, ich bitte dich, ich bitte dich!Kau deinen Götzen mutig um, er sei Geld, Wollust oder Ruhm.
In dir ein edler Sklave ist, dem du die Freiheit schuldig bist.Kämpf und erkämpf dir eignen Wert, hausbacken Brot am besten nährt.Fiebt euch auf Erden, liebt und wißt, daß Gott im Himmel Liebe ist.Merk auf die Stimme tief in dir; sie ist des Menschen Kleinod hier.Kimm wahr die Zeit; sie eilet sich und kommt nicht wieder ewiglich.G Herr, lehr uns bedenken wohl, daß wir sind sterblich allzumal.Kreis, Ehr und Dank soll Gottes sein, er ist und bleibt der Höchst' allein.Guäl nicht dein Herz ohn' Unterlaß, ein freier Mut gefällt Gott baß.Kecht halte heilig bis in'n Tod, so bleibt ein Freund dir in der Not.Straf keck das Böse ins Gesicht; vergiß dich aber selber nicht.
Treib Tugend jeden Augenblick; wer nicht vorangeht, geht zurück.Und wenn sie alle dich verschrei«, so wickle in dich selbst dich ein.Kerlaß dich nicht auf diese Welt; sie ist Schaum, der zusammenfällt.Mie wird es dann, o dann uns sein, wenn wir der bessern Welt uns freun?Km Sturm die Sonne spiegelt nicht im Meer ihr heilig Angesicht.Zerbrich den Kopf dir nicht zur sehr, zerbrich den Willen, das ist mehr.
25V. Des Vaters Vermächtnis.
Matthias Claudius, Auswahl aus den Werken des Wandsbecker Boten.
An meinen Sohn Johannes, 1799.
Gold und Silber habe ich nicht»was ich aber habe, gebe ich dir.
Lieber Johannes!
^ie Zeit kommt allgemach heran, daß ich den Weg gehen muß,den man nicht wieder kommt. Ich kann Dich nicht mitnehmen undlasse Dich in einer Welt zurück, wo guter Rat nicht überflüssig ist.Niemand ist weise von Geburt an; Zeit und Erfahrung lehren hierund fegen die Tenne.
Ich habe die Welt länger gesehen als Du. Es ist nicht allesGold, lieber Sohn, was glänzet, und ich habe manchen Stern vomHimmel fallen und manchen Stab, auf den man sich verließ, brechensehen. Darum will ich Dir einigen Rat geben und Dir sagen, wasich funden habe, und was die Zeit mich gelehret hat.