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Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau : 6.-8. Schuljahr: 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirkung der kantonalen Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott
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und ihn derb mit dem Knieriemen gezüchtigt. Da er prahlte, er werdees nun aber nur um so öfter probieren, denn er sei kein Läse, sobeschloß auch ich, meinen Courage zu zeigen, und das noch denselbenNachnüttag. Ich ging also, als meine Mutter mich zur gewohntenStunde fortschickte, nicht zur Schule. Ich verkroch mich mit klopfenden:Lerzen in den Holzschuppen unseres Nachbars, des Tischlers. DessenSohn, der viel älter war als ich und schon in der Werkstatt hantierte,hatte mich zu der Ausführung meines Vorhabens aufgemuntert. Es warheiß und mein Schlupfwinkel so dunkel als dumpf. Im Hintergrundkauerte eine alte Katze mit ihren Jungen, die jedesmal grimmig knurrte,sobald ich die geringste Bewegung machte. Die beiden Birnen, welchemir meine Mutter mitgegeben hatte, hielten nicht lange vor. Ich sienicht ohne Gewissensbisse.

Die Sünde führte ihre Strafe unmittelbar mit sich. Gellend unddrohend drangen die Schläge der Turmuhr zu mir herüber. Ich zähltealle Viertel-- und halbe Stunden. Ich ängstete mich ab, ob ich auch wohlunbemerkt aus dem Schuppen wieder herauskommen werde. An denTriumph, den ich morgen zu feiern hoffte, dachte ich nur sehr seltenund äußerst flüchtig. Es war bereits ziemlich spät. Da trat meine Mutterin den Garten und ging, vergnügt und fröhlich um sich blickend, zumBrunnen, um Wasser zu schöpfen. Sie ging fast an mir vorbei. Mirstockte der Atem. Als sie nichts ahnend an der Werkstatt vorbeischritt,fragte sie der Vertraute meines Geheimnisses, ob sie auch wohl wisse,wo Christian sei. In der Schule! antwortete sie stutzend. Nein! Nein!Bei der Katze, versetzte der schlaue Freund halb schalkhaft, halb schaden-froh und zeigte ihr blinzelnd und zwinkernd mein Versteck. Ich sprang,vor Wut außer mir, hervor und stieß nach dem lachenden Verräter mitdem Fuß. Meine Mutter sehte ihren Eimer beiseite. Ihr Gesicht warrot wir eine Flamme. Sie packte mich an Armen und Haaren, ummich in die Schule zu bringen. Ich riß mich los. Ich wälzte mich aufdem Boden. Ich heulte und schrie. Aber alles war umsonst. Sieschleppte mich mit Gewalt fort. Eine solche Missetat hatte sie ihremüberall gepriesenen, stillen Liebling nicht zugetraut. Mein Widerstrebenhatte keine andere Folge, als daß alle Fenster an der Straße aufgerissenwurden und alle Köpfe herausschauten. Als ich ankam, wurden meineKameraden entlassen. Sie rotteten sich um mich herum und überhäuftenmich mit Spott und Hohn. Die Lehrerin aber, welche einsah, daß dieLektion zu streng war, suchte mich zu begütigen. Seit jenen: Tageweiß ich, wie dem Spießrutenläufer zu Mute ist. Nach Friedrich sebbel.