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Ist das ein Hundewetter! knurrte er in den struppigen, vereistenBart hinein.
Der Schein der Laterne hüpfte wie ein Irrlicht über das Bahn--geleise. Tag für Tag beging er seit Jahren dieselbe Strecke der Axemstraße. Er kannte jeden Markstein, jeden Felsen, jeden Baum im dunkelnTann und versah seinen Dienst mit peinlicher, gedankenloser Genauigkeit.
Sonst war er ein blöder Geselle, der Nidwaldner Domini Selm,einsilbig und menschenscheu, zu nichts anderem zu gebrauchen, als vorseinem Bahnwärterhäuschen zu stehen mit der geschlossenen Fahne, wenndie Gotthardzüge vorbeirasten. Sie bildeten die lebendigen Augenblickeseines Daseins. Woher sie kamen, wohin sie gingen und was sie inblinder Last mit-sich trugen — was ging's ihn an? Seine Bahnstreckezwischen Sisikon und Brunnen, das war seine Welt; die mußte freiliegen. Das war der Dienst; darin gipfelte seine ganze Weisheit.
Er schritt über die Bahnbrücke. Der Milchbach sprang donnerndvom wilden Tobel im Boralptal. Die eisernen Bogen bebten unter demAnprall der vom Sturm geschwellten Fluten. Der Selm beugte sichund stemmte sich gegen die Gewalt des Windes, der sich ihm wie einFeind in den Weg legte. Er blickte sich nicht um; die Bahn lag frei,für heute war der Dienst aus.^Es ging gegen Mitternacht; ihn verlangteheim nach dem langen Spießrutenlauf in dem peitschenden Anwetter.Dort, dicht am Bahngeleise, winkte ein siackerndes Lichtlein. Dort warRuhstatt bei Weib und Kind. Die Kleinen schliefen wohl längst; aberdas Bethli wartete immer, bis er heimkehrte. And war der letzte Zugvorbeigesaust, so senkte sich für einige Stunden traumloser Schlaf aufdas täuschen des Bahnwärters.
Ein Hund kläffte im nahen Bauernhof. Vom Axenberg heruntertönte ein dumpfes Rollen, wachsend, wie ein steinernes Heulen undStöhnen. Jäh hielt der Mann im Schritt inne und hob das Haupt,als könne er durch die Finsternis die Art des Anheils erkennen, dasda drohend vom Berghang herunter donnerte.
Er prüfte nicht weiter: donnernd, vernichtend erscholl die Antwort,und ein Beben lief durch den erschütterten Grund. Das war's! Danntrat unheimliche Stille ein; nur das Tosen der Fluten vom See herverstärkte sich.
Der Domini zauderte nicht. Mit einem Ruck machte er kehrtund eilte die Bahnstrecke zurück. Vergessen war das siackernde Lichtlein,wo die Ruhstatt winkte. Lag die Bahn noch frei?
Bei der Brücke stockte sein wegkundiger Fuß — er kannte den Pfadnicht mehr. Fremd und zerstört lag das Gelände; weder Damm nochSchienenstrang waren mehr sichtbar; Schutt und Schlamm türmten sichmannshoch vor ihm auf.