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Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau : 6.-8. Schuljahr: 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirkung der kantonalen Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott
Entstehung
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Es verging einige Zeit; die Frau seinen fast gesund; aber ganzwar sie noch nicht hergestellt. Wenn ich noch zum drittenmal dieSpringwurzel erhalten könnte, dann wäre ich völlig gesund; das fühleich wohl, sprach sie und sandte wieder nach dem Bauer, der erstgar nicht kommen wollte; aber es war, als triebe ihn ein böser Geistwider seinen Willen. Hier bin ich wieder, gnädige Frau, sagte derBauer; was wollt Ihr von mir? doch nicht, daß ich zum drittenmaldie Springwurzel suchen soll? davor bewahre mich Gott! Kaum binich das letztemal mit dem Leben davongekommen. Mich schaudert,wenn ich nur daran denke. Da fing die Frau an, ihn zu beschwören,und versprach ihm ein reiches Bauerngut und große Reichtümer dazu,und sie verblendete den Tollkühnen, daß er alle Gefahr vergaß undsich vermaß, die Springwurzel noch zum dritten Male aus demZaubergarten zu rauben, und wenn es sein Leben kosten sollte.Bis jetzt, sagte der Bauer zu sich, hat der Geist dir nur gedroht;es soll nun das letztemal sein. Dann bin ich ein reicher Mann undkann in Herrlichkeit und Freuden leben.

So kam er nach Hause; aber er wagte nicht, allein zu gehen.Lieber Sohn, sagte er zu seinem Ältesten, der schon erwachsen war,wir wollen nach der Kapelle auf der Kuppe wallfahrten; du sollstmich begleiten. So gingen sie nebeneinander, und die Schluchtenwurden immer enger, das Gebirge immer kahler, und als sie so nebenden finstern Seen, die ewig von starren Felsen beschattet werden,hergingen, da ward der Vater gar nachdenklich; ein inneres Grauendurchfuhr ihn, und er blickte so seltsam aus den Augen, daß einstiller Schauder auch den Sohn ergriff. Was ist dir, Vater? fragteder Sohn; aber der Vater antwortete nicht und blickte stumm vorsich hin.

So stiegen sie immer höher, und als sie dem Garten nahe waren,da sprach der Vater: Böse Geister haben mich gelockt von früherKindheit an, daß ich immer nur nach Reichtum trachtete; daherlebte ich wild und wüst und habe euch niemals ein gutes Beispielgegeben, wie es der Vater seinen Kindern schuldig ist. Jetzt ruftmich die Hölle, und ich muß dem Herrn des Gebirges die Spring-wurzel rauben, wofür er mich zerfleischen wird. Da heulte der Sohnund sprach: Vater, laß das sein; kehre mit um; Gott wird barm-herzig sein! Aber in dem Wahne der Verzweiflung hatte der Vaterden Spaten schon ergriffen und angesetzt. Da erhob sich ein furcht-barer Orkan; ein Wolkenbruch stürzte herab, daß alle Bäche zuwilden Strömen anwuchsen. Ein Wehklagen schien tief aus denWurzeln des Gartens herzzerreißend zu ertönen. Alle Elementebewegten sich wild durcheinander. Gähnende Klüfte eröffneten sich,