184
Mittlerweile ist die Sonne aufgegangen und bestrahlt mit blen-dendem Glanz die großartige Gebirgslandschaft. Die Firnen leuchtenin rotem Gold, kristallhell glitzern und glänzen die ruhigen Schneeflächen,und aus den noch im Schatten liegenden Talgründen steigt ein leichter,bläulicher Dust empor. Mit schallendem Jauchzer begrüßt der Leubergerdie wiedererstandene Welt, spannt sich in den Schlitten, und nun geht'sfrisch und fröhlich dem Tale zu. Lat er auch keinen Geometrieunterrichtgehabt, so weiß er doch, daß die Gerade der kürzeste Weg zwischenzwei Punkten ist, und so zieht sein Schlitten eine schnurgerade Furche,wenn er sie auch zum guten Teile watend wieder selber graben muß.Nicht lange und er braucht nicht mehr zu ziehen, sondern wird vonder Schwere des Fuders geschoben; und jetzt gilt es die schwereKunst, zugleich pfeilschnell vom Fleck zu kommen und doch ßch nichtvon der Last überwältigen und unaufhaltsam forttreiben zu lassen. DieTalfahrt dieser Leuberger, bei welcher vielleicht in einer halben Stundedieselbe Strecke zurückgelegt wird, die beim Aufstieg fünf starke Stundenerforderte, ist in der Tat eine Leistung, die von riesiger Kraft und Kühnheitzeugt. Wo der Abhang nur sanft abfällt, setzt sich der Bursche vorn aufden Rand des Schlittens, läßt die Lände frei und leitet mit den Füßen.Wie es steiler wird, arbeitet er stehend, mit dem Rücken an das Leu gelehnt,den Schlitten an den Lörnern haltend und mit den Füßen der Wuchtdes stoßenden Fuders Widerstand leistend. Bei gefährlicher Steilheitendlich verstellt er zugleich mit einem untergehaltenen Sparren undregiert so mit Länden und Füßen zugleich in beständiger Abwechslungdas viele Zentner schwere Gefährt. In sausender Eile gleitet derSchlitten die abschüssigsten Berge hinunter. Der Schnee ist zu hoch,als daß Lecken und Zäune ein Lindernis bildeten; man fährt darüberweg oder reitet sie nieder. — Steht unterwegs ein Bekannter, der zuFuß auf dem gewöhnlichen Weg der Talsohle zustrebt, so wird Laltgemacht; der Bekannte setzt sich oben aufs Leu, hält sich an denStricken und fährt mit. Ich kann aus vielfacher Erfahrung sagen, daßnur das Vertrauen in die bewährte Sicherheit des Schlittenführers denMut verleihen kann, diese Fahrt mitzumachen; denn so lustig sie aufder einen Seite ist, es vergeht einem doch Lören und Sehen dabei,und ein Sturz oder Umschlag kann Lals und Beine kosten. Wie vielgrößer ist die Gefahr für den Leuberger selbst, zumal ein unter demSchnee verborgenes unbedeutendes Lindernis genügen kann, den Mannunter den Schlitten zu bringen, wegzuschleudern oder zu schleifen. Eshaben denn auch schon Unzählige, besonders Ungeübte, diese halsbrechendeTalfahrt mit dem Leben bezahlt.
Ist der Schnee der Fahrt günstig, so kehrt der Leuberger gegenMittag auf den Berg zurück, von mehreren Gefährten, etwa von