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Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau : 6.-8. Schuljahr: 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirkung der kantonalen Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott
Entstehung
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Schauder durch die Seele. Hoch bäumen sie sich vor der wilddurch-brechenden Maschine auf, diese mit solchen Schneemassen über-schüttend, daß die Männer auf derselben sich am Geländer festhaltenmüssen, um nicht durch ihren wuchtigen Schlag herabgeschleudertzu werden.

Es schneit stark! sagen die Reisenden, die im Wagen einenAugenblick erwachen und, sich streckend, ein Fenster, an das sie denSchnee knisternd anschlagen hören, mit der Wagenquaste zu säubernsuchen. Wir fahren schlecht, fügen sie, unter Gähnen nach der Uhrsehend, hinzu, verflucht beschwerlich das Nachtreisen im Winter!wickeln sich in die weißen Pelze und drücken die Köpfe in die weichenWagenecken.

Vorwärts! Vorwärts!

Die Teile der Lokomotive tropfen; aus dem Schornstein, von denSicherheitsventilen, von der Pfeife und von den Pumpen spritzt Wasserfein zerteilt ab, das hier an der Maschine herabrieselt und an ihrenaußenliegenden Teilen gefriert oder vorn Sturm weggeblasen wird,dort aber Pelz und Mütze und Gesicht der Männer übersprüht, dieschweigend auf dem Trittbrett stehen.

Nach und nach behängt sich die Maschine mit schweren Eis-zapfen, dicke Eisbuckel wachsen selbst an ihren am raschesten schwin-genden Organen, alle Zwischenräume füllen sieh mit hartgefrorenemSchnee, und der Blick in die Teile der Maschine wird schwierigerund unsicherer.

Ich glaube, die Pumpen frieren zu bei dem Wetter, sagt Zimmer-mann. Wir wollen sie ein wenig spielen lassen.

Er will die Hand nach den Griffen ausstrecken, den Kopf dahinabwenden, fühlt aber die kräftige Faust am Körper festgehalten undempfindlichen Schmerz am Kinn. Die nasse Kleidung der Männerhat sich in einen starren Eispanzer verwandelt, Bart und Pelz sindin eine Eismasse zusammengeronnen, die dicke Pelzmütze ist zu einemdrückenden Helme geworden, an den Augenwimpern hängen Eiskügel-chen und lassen die Lichter der auftauchenden zweiten Station intausend Farben spielen. Sie reißen die am Rock gefrornen Ärmellos, sie strecken prasselnd und knisternd die Glieder, sie tauen dieam Lippenbarte hängenden Eiszapfen im Munde auf, der, selbst halberstarrt, nur schwierig Worte artikuliert.

Station Rodenkirchen! zwei Minuten. Vorwärts! Vorwärts! Unablässig weht der Schneesturm, dicker werden die Eiskrustender Pelze, schwerer die immer mehr auf den Schultern lastende Klei-dung, müder die erschütterten, durchdröhnten Glieder.