12 Kinderjahre
behaupten, jener Stern sei sein, der Vater oder die Mutterhabe es ja gesagt.
Ferner sagte die Mutter, wenn ich recht tue und ihr ge-horche, werde ich dann auch einmal in den Himmel kommenund ein so schöner Engel werden. Wenn ich aber nicht rechttue und ihr nicht gehorche, komme ich in die Hölle, in dasewige Feuer, das von Schwefel brenne und nie auslösche.Dort sei, Gott behüte uns davor, der Teufel mit seinen Engeln.Ja, da sei es schrecklich, schrecklich, Pein und Qual in alle Ewigkeit.
Wie mich die Vorstellung vom Himmel mit Lust undFreude erfüllte, machte mir der Gedanke an die Hölle ent-setzlich angst; dachte immer, ich wolle doch recht tun, damit michder Teufel nicht in die Hölle bekomme.
Aber das Wort gehorchen kam mir gar kurios und widrigvor. Ich verstand es eigentlich nicht und meinte, gehorchensei, wenn unsere Schweine so stark schnarchten und grunzten.Das Wort rechttun gefiel mir besser, und ich konnte mir eherdenken, was die Mutter damit wolle, als bei dem andern.
Ob es eine Seltenheit ist, daß Kinder von kaum drei Jahrenso viel an Tod und Ewigkeit denken, wie es bei mir der Fallwar, weiß ich nicht. In diesem Alter schon beschäftigten michsolche Gedanken am meisten; weiß alles noch so gut, als obes erst gestern geschehen wäre. Ich erinnere mich auch, wahr-scheinlich wegen solchen Betrachtungen, einen Traum geträumtzu haben, der vielleicht der erste war, dessen ich mich erinnernkonnte. Mir träumte nämlich, ich sei im Himmel und war voneinem Glanz umgeben, den ich nicht zu beschreiben vermöchte.Alles war golden, selbst mein Röcklein, und was mich ammeisten freute, ich hatte goldene Schuhe. Der Boden, woraufich stand, war voll Blumen, von denen die meisten in derMitte mit rosenroten, weißen und blauen Steinchen besetztwaren. Den Herrgott oder Engel erinnere ich mich nicht, ge-sehen zu haben; ich war allein und war mir unaussprechlichwohl. Vor lauter Freude erwachte ich, und da ich das Träumeneben noch nicht kannte, meinte ich, die gehabte Erscheinung seiWirklichkeit und Wahrheit gewesen, stieg sogleich aus demBettlein und suchte mir die goldenen Schuhe in der Kammerherum. Natürlich fand ich sie nicht, wurde deshalb sehr ver-drießlich, weinte immer fort und konnte doch nicht sagen, warumich weine. Ich erinnere mich, den ganzen Tag geweint zuhaben, weswegen ich auch Schläge bekam und viel aus-geschalten wurde.