Band 
[Erster Band.]
Seite
24
JPEG-Download
 

24 Kinderjahre

eine Schlohruine, ein fröhlicher Käsbissenturm oder eine Storchen-familie sich zeigte.

Konrad drückte sich anfangs ein wenig hinter den Rückenseiner Kameraden; denn die standen und sahen um ihn herumwie um ihren Kapitän; man hörte seine schon leicht gebrocheneStimme aus allen heraus, wie einen tiefen Glockenton auseiner Herde leichter Bimmelschellen; aber ein wenig hastig gingseine Rede, dabei leuchteten seine schwarzen Augen wie ineinem Fieber, und die dunkelbraunen Wangen glühten. Wiein der Schule, wenn er etwas Ungerades getan, glitten seineAugen einmal scheu und ein andermal fast feindlich an mirvorüber zum Fenster hinaus.

Im gleichen Takt und Tone sangen die Räder ihre Melodie.Durch Felder und Ebenen, an Dörfern und Städtlein vorüberfuhr der Zug. Der gleißende Spiegel eines Sees tauchte auf;ein altes, graues Städtchen mit kuchenbraunen Dächern undspitzen Türmlein winkte vom andern Ufer, und ein grünerRebenhügel lag dahinter mit weihen Gartenhäuschen undgrauen Mauern. Ich deutete hinüber, meinte, das Bild dadrüben sollten sie mit Augen trinken; die Mädchen hielten fürein Weilchen ihren Mund, und auf ihren Gesichtern lag es einpaar Sekunden wie der Abglanz stiller Ergriffenheit.

Aber bei den Knaben weckte der Anblick des Sees die Ge-danken der pochenden Lebenslust, und am lautesten hörte manKonrad; ohne den Blick vom Wasser abzulenken, war er auf-gestanden.

Wie von einem Freudenfeuer glänzte die kaum gebändigteErwartungslust auf den Gesichtern der Knaben; denn dah esheute noch zum Rudern und Schwimmen kommen sollte, daswußten sie wohl.

Vorher aber tat sich den Blicken noch eine neue Welt auf,die sie zu Hause hinter den Wänden der heimatlichen Tannen-wälder nur leise ahnen konnten, wenn die Alpenspitzen vornehmund gnädig einmal ein Zipfelchen ihrer weihen Schönheithinunter ins Hügelreich erglänzen liehen. Auf einmal, als derZug um einen grünen Hügel bog, sprang diese Welt unsplötzlich vor die Augen mit hundert kühnen Türmen, Erkernund Spitzen, die wie gemeißelt am tiefblauen Himmel standen.

Schwarzblaue Schrunden und Schratten lagen auf denweihen Flächen wie geheimnisvolle Türen und Tore an denMarmormauern einer fremden Stadt mit Burgen und Domen.Ein paar weihe Wolken segelten majestätisch über dem Gefunkel.