11
Äofreite aus sah ich, daß die Schwalben nicht mich gescheut hatten;denn sie trieben noch immer das gleiche Spiel.
Als gegen Abend meine Eltern und Geschwister vom Felde heim-gekehrt waren, stiegen wir alle zu Domini hinauf. Er war ganz trostlos,daß ihn seine Schwalben, nach denen er sich so lang gesehnt hatte,flohen. Nun, sagte er, sie merken eben, dass der Tod in diesem Lauseherumschleicht. Mein Vater suchte ihm den Gedanken auszureden. Eraber schüttelte den Kopf, was sagen wollte, daß er es anders wisseund die Schwalben wohl auch. Nach einiger Zeit bat er, man möchteihn allein lassen, nur mich, den Jüngsten, wollte er bei sich haben.Wir saßen eine geraume Zeit, ohne ein Wort zu sprechen; seine Augenwaren stets nach dem Fenster gerichtet, wo von Zeit zu Zeit noch eineSchwalbe sich flüchtig zeigte.
Endlich, als die Kammer sich schon mit Dämmerlicht füllte, schwebteeine herein, flatterte ein paarmal um die Kammer und dann wieder zumFenster hinaus. Tschitschi, komm! flehte Domini, und wirklich, sie kamwieder, um sich diesmal auf den Rand eines Nestes zu setzen, wobeisie wie zum Gruß einen kurzen Pfiff ausstieß. Schließ das Fenster,aber ganz leise, flüsterte mir Domini zu, und seine Stimme bebte, alser für sich weiter fuhr: So ist doch eine dabei, wenn ich sterbe! Ichwollte geh'n; denn das Wort Sterben erweckte mir Grauen. Eraber hielt mich zurück und sagte: Ich will dir etwas beichten, Bübli,es kann dir nützen, und. ich kann's nicht hinübernehmen. Sieh, ich wareinmal ein grober Bub, wie du auch manchmal bist; ich hatte einenKameraden, der war es noch mehr. Er hatte Schwalben in seiner Kammer,und an einem Sonntag-Nachmittag überkam uns der Übermut, das Fensterzu schließen und eine zu fangen. Es war eine wilde Jagd, das geängstigteVöglein schoß sich schier den Kopf am Fenster ein, seine kleine Brusthob und senkte sich stürmisch; wir aber wurden bei dem Werk immerwilder und ruhten nicht, bis wir das arme Tierchen in Länden hatten.Da kam Sepp ein teuflischer Gedanke, und er sagte zu mir: Wirsiechen ihr die Augen aus! And er zog sein Sackmeffer hervor. Öffnees, ich halte sie, und du stichst. Mir schauderte, aber er war der ältereund befahl mir, zu tun, wie er gesprochen. Ich griff zum Messer undöffnete die Klinge. Sepp rief mir ungeduldig zu: Nun, du Gret,wird's bald? Ich sagte, daß ich es nicht tun könne, ich wolle lieberden Vogel halten und er solle das andere machen. Sepp griff nachdem Messer, und ich nahm das arme Vöglein in die Land. Da ichvor Aufregung mit den Länden zitterte, packte Sepp den Schnabelmit seiner Linken, und mit der Rechten stieß er die Messerspitze indas kleine schwarze Auge. Ich habe den Anblick nie vergessen. DasVöglein schrie auf wie ein Kind, sah mich und dann wieder ihn mit