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Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirk. der kant. Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott / 6.-8. Schuljahr, 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule
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6. Bauernfrühling.

Ja wenn der Frühling nur endlich hätte kommen wollen! Ichfing an, ernstlich mit der Möglichkeit zu rechnen, daß er dies Jahrgänzlich ausbleiben könnte. Ein schwerer Februarschnee hatte sichauf Wiesen und Wege gelegt, der sich bis tief in den März hinein hieltund auch da noch keinerlei Miene machte, das Feld zu räumen. Wozwei Bauern einander trafen, fingen sie von den Heustöcken zu redenan, die bei dieser anhaltenden Kälte gleichsam die Auszehrung be-kämen, besonders da man im Herbst so früh mit dem Dürrfutter habeanfangen müssen. Der Zeigerhaniß war fast der einzige, der noch ge-lassen blieb. Es sei noch allemal wieder Tag geworden, sagte er;und die frühen Frühlinge seien noch nie die besten gewesen.

Daheim vermochte er seine Besorgnis doch nicht ganz zu ver-bergen. Fast jeden Tag fing er vorn Roggen in der obern Breite an,der im Herbst etwas zu stark geworden sei und der nun, besondersdem Rain entlang, unter dem unvernünftigen Schnee Schaden nehmenkönnte.

Aber am Ende kam die Erlösung doch. Er habe da so ein sonder-bares Lüftchen gespürt beim Buschelnmachen im Wäldiholz oben, be-richtete der Haniß eines Abends beim Essen. Es sei da allweg etwasim Tun. Und merkwürdigerweise schien der Frühling einzig auf diesesZeichen gewartet zu haben. Schon während der Nacht kam es leiseüber die Dächer daher, und unversehens setzte ein schwerer, lauerWind ein, dem kein Gäßchen zu eng und keine Luke zu verborgenwar. Am Morgen regnete es; mit Schrecken besah der Winter seinkläglich zugerichtetes Gewand, von dem wahrhaftig nach wenigenTagen nur noch ein paar schmutzige Fetzen übrig blieben.

Und damit war der März noch nicht zufrieden. Er versprachder Sonne einen höheren Wochenlohn, und wie die denn von jehereine willwänkische Dame war, fiel sie ohne weiteres vorn Winter ab.Sie ging gleich am hellichten Tag mit jedem hergelaufenen Fant vonWald- und Wiesenwind spazieren und guckte an Rain und Heckenin die verborgensten Winkel hinein. Ob dieser Untreue und neu-gierigen Zudringlichkeit bekam der Winter eine Herzschwäche. Ersaß dem ersten besten bergwärtsfahrenden Eisenbahnzuge hintenaufund wäre ohne Zweifel gänzlich verduftet, wenn nicht weit drobenim Gebirge ein vorwitziger Schaffner seine Anwesenheit bemerkt undihm die Fahrkarte abverlangt hätte. Nun machte er sich dünn, richtetesich in einem verlorenen Seitental als Verbannter so gut es gehenwollte ein und ersann ein Gedicht auf den Unbestand und die Wandel-barkeit aller irdischen und himmlischen Dinge.

Auf der Steig aber war eitel Herrlichkeit und Frohlocken. ImPfarrgarten blühte der gelbe Krokus. Die zähen Schlüsselblumen-stöcke, mit denen die kleinen Blumenbeete vor den Häusern im Ober-dorf eingefaßt sind, hatten es sehr eilig, ihre blaßroten Blütenkelchezu öffnen. Frieda lief jeden Tag ein paarmal hinaus, um mit innigerNeugier nach den Tulpen und Narzissen zu sehen, deren erste blau-grüne Blattspitzen aus der feuchtbraunen Erde hervorstachen. Imübrigen behauptete sie, daß die Welt nun wirklich noch nie so schön