83
8. »Die Flasche,« rief er, »so wie sie ist,
Sie soll bewahrt sein von dieser Frist,
Bewahrt, ob Blatt um Blatt auch fälltVorn Kranze, der noch jetzt so wohl bestellt.
0. Und wenn einst nur mehr noch ein einziger lebt,Und wieder das sinkende Jahr entschwebt,
Der hole schweigend sodann aus dem SchreinHervor die versiegelte Flasche mit Wein.
10. Entsiegle sie, nehme das Glas zur Hand
Und füll’ es mit perlendem Wein bis zum RandUnd leer’ es im stillgewordenen HausWehmütig aufs Wohl der Geschiedenen aus.«
11. Und fünfzig Jahre sind nun herum;
Hier sitz’ ich, der letzte, der einzige, stumm.»Wohlauf! dir, Bruder, sei das gebracht:
Du fielst, ein Beneideter, schön in der Schlacht! —
12. Dir, Bruder, dies: im Meer ist’s kühl —
Dir — dieses: ein böses Spiel ist das Spiel! —Dir ■— dieses, Bruder: du glaubtest mir nicht,
Dass Liebe die Herzen wie Binsen bricht.
13. Dir, Vielgeprüfter, ein Lebehoch!
Auch dir: schwer drückt der Ehren Joch!
Auch dir: nicht wahr, die peinlichste PeinIst die, verkannt von den Liebsten zu sein? —
14. Auch dir: man beneide den Dichter nicht;
Des Herzens Grabmal ist manch’ Gedicht! —
Auch dir: du leichter, glücklicher Sinn!
Du scherztest dich lächelnd ins Jenseits dahin!—«
15. So denkt sich der Mann, leert Glas um Glas,
Die Augen umflort’s ihm, er weiss nicht was: —
Es ist doch schwer, aus frohem Verein
Der einzige ■— letzte Mann zu sein!
J. GU Seidl.