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17. Der alte Wartin.
Die Sonne war schon längst hinter den Bergen verschwunden, undtausend lichte Sterne glänzten auf das stille Dörfchen herab. Was kleineKinder oder alte Leute waren oder solche, die den Tag über in Wald undFeld sich recht müde gearbeitet hatten, die waren jetzt alle zu Bette; aberdie größeren Kmder mochten bei dem warmen Sommerabend noch nichtschlafen, die saßen noch vor den Häusern auf der Bank oder Staffel underzählten sich allerlei grausige und lustige Geschichtchen. Die schönstenwußte aber immer der alte Martin zu erzählen. Der war früher Soldatgewesen und weit in der Welt herumgekommen; jetzt aber hatte er einenStelzfuß, was ihn jedoch nicht hinderte, oft tagelang in den Wäldern herum-zustreifen und verschiedene heilsame Kräuter und Wurzeln zu suchen, die eran die Apotheker in der Stadt verkaufte und sich damit feinen Unterhaltverdiente. Der Stelzfuß war unten mit Eisen beschlagen, und wenn derMartin nachts durch die Straßen ging, so hörte man ihn schon vonweitem her klappern, und schrie ein Kind und wollte nicht schlafen und eshörte den Martin, da war es gleich mäuschenstill; denn die Mutter hatteihm schon oft gesagt: „Wart', ich sag's dem Martin; er soll dich in dieStadt tragen und an den Apotheker verkaufen, du bös Würzele du!"
Die größeren Kinder aber, namentlich die Buben, liebten ihn leiden-schaftlich. In ihren Augen gab es keinen größeren Helden als den Martin,und sie betrachteten seinen Stelzfuß mit großer Ehrfurcht, begleiteten ihnwohl auch auf seinen Wanderungen in den Wald, wo er ihnen manchesSchöne von Vögeln, Blumen und den kleinsten Insekten und Käfern zusagen wußte; wenn er aber abends zu ihnen auf die Hausstaffel saß undGeschichten erzählte, war das für sie immer ein Fest.
„O erzähle! erzähle!" hieß es auch heute, und der Martin war sogutmütig, daß er nicht lange ihren Bitten widerstehen konnte. „Nun sowill ich euch vor Allem meinen Tageslauf erzählen. Ick war heute inaller Früh im Walde hinten auf der großen Waldwiese, suchte dort nachOrchideenwurzeln oder Bubenkraut, wie man's gewöhnlich nennt, für denApotheker. Jetzt sind diese Blumen alle verblüht, und da ist die Wurzelam besten; eine Orchidee aber stand schattiger als die andern im Gebüschdrin; die blühte darum noch wunderschön und sah mit ihren schwarzrotenund purpurfarbenen und weißgetüpfelten Blumen so stattlich aus wie dievornehmste Hyazinthe. Ich wollte sie mitsanit den Wurzeln ausgraben,in einen Stockscherben fetzen und dem Apotheker zum Präsent mitbringen;aber dann dachte ich wieder: Nein, bleibe lieber stehen, wo du bist, undblühe auch das nächste Jahr!