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auf die Hand des kleinen Künstlers. „Pfui, welch' häßliche Spinne! riefdie Tante, ergriff eilig ihren Pantoffel, streifte die Spinne von der Handauf den Fußboden und, „kratsch", war sie ohne Rettung zertreten. Derarme Knabe jammerte nicht und weinte nicht; ohnmächtig sank er zuBoden. Man brachte ihn zu Bette; er blieb lange ohne alle Besinnung;länger als drei Monate schwebte er zwischen Tod und Leben, und als erwieder sprechen konnte, verlangte er immer — und ach vergebens — nachseiner Spinne.
„Ach, die böse, wüste Tante!" riefen die Kinder; „aber nein, dudarfst noch nicht fortgehen, Martin; der Abend ist ja heute so warmj; dumußt uns noch etwas erzählen." „Nun so will ich euch zum Schlüssenoch etwas aus meinem Leben erzählen, paßt auf!"
„In meinem vierzehnten Jahre bin ich von Hause fortgekommenund ging auf die Wanderschaft und habe nimmer meine Heimat gesehenbis in mein zwanzigstes Jahr, wo mich die Konskription Heimtrieb. Warich als ein kleiner, schwächlicher Knabe fortgegangen und der Abschiedmeinen Eltern um so schwerer gefallen, da sie mir außer ihrem Segenwenig mitgeben konnten, so kehrte ich jetzt groß und sonnverbrannt heim;auch war mir ein stattlicher Bart gewachsen, und ich hatte mir bei meinemMeister ein schönes Stück Geld erworben, das ich fröhlich in der Taschezusammenklimpern ließ.
„Doch je näher ich meinem Orte kam, desto mehr klopfte mir dasHerz, trotzdem die Morgensonne gar freundlich — und ich meinte vielheller als sonst — herabschien. Am Hohlweg, richtig, da stand noch, wievor sechs Jahren, der große Holzbirnbaum, und auch die Ruhstatt weiterunten war dieselbe geblieben. Eben stellte eine Frau ihr Grasbündeldarauf ab; es war unsere Nachbarin, die alte Sabine; sie erwidertefreundlich meinen Gruß; aber sie erkannte mich nicht. Gerne hätte ich sienach meinen Eltern gefragt; aber ich wollte diese überraschen; auch hatteich schon gar lange Zeit nichts mehr von ihnen gehört und fürchtete fast,erfahren zu müssen, eines oder das andere sei krank oder gar gestorben.Der Adlerwirt war ein guter Freund meines Vaters und der „Adler" nichtweit von meinem väterlichen Hause. Da trat ich jetzt hinein, verlangteein Glas Wein und fragte: „Ist ein Barbier im Ort?" „Ei, freilich!"sagte der Adlerwirt, „wenn's der Herr befehlen, will ich nach ihmschicken." O wie zitterte mein Herz! Denn der Barbier, müßt ihr wissen— und es gab nur einen einzigen im Ort — war ja mein Vater. Nach kurzerZeit ging auch die Türe auf, und er stand vor mir, der liebe, freundlicheMann; er war noch ganz derselbe, nur die Haare etwas spärlicher undgrau geworden. „Wollen Sie mir nicht den Bart abnehmen?" sagte ich.