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und während er mich einseifte und rasierte, erzählte er mir, daß er aucheinen Sohn in meinem Alter in der Fremde habe und — und — jetztwar der Bart weg. — „Ach Gott, Martin, bist du's? bistdu's?" — „Jafreilich bin ich's, lieber, herziger Vater," rief ich, „o verzeih mir denScherz!" und siel ihm um den Hals und küßte ihn; der Adlerwirt aberstand daneben, und es glänzte ihm vor Rührung eine Träne im Auge, diemir lieber war, als sein bestes Faß Wein im Keller. „Jetzt aber nurgleich zur Mutter!" rief ich. „Ja freilich," sagte mein Vater, „ach, wiewird sie sich freuen, die gute Alte; sie ist gerade im Hausgärtchen beiihren Blumen, ich bin nur begierig, ob sie dich erkennt!"
Schnell eilte ich zum Garten, öffnete behutsam die Türe, undwährend mein Vater einige Schritte zurückblieb, schlich ich mich leise hintermeine Mutter, die soeben ihre Blumen begoß. „Wohnt hier der HerrBarbier?" sagte ich. „O Martin, mein Martin!" rief aber die Mütterschon beim ersten Wort, ließ im freudigen Schreck die Gießkanne fallen,sprang auf mich zu und schluchzte an meinem Halse. Hatte mich meinVater im Gesicht erkannt, so erkannte mich meine Mutter schon an derStimme, und daraus könnt ihr sehen, liebe Kinder, daß wenn ein Vater-sein Kind auch noch so gern hat, eine Mutter es doch noch viel mehrliebt; denn keine Liebe geht über die Mutterliebe. Wie ich balddarauf Soldat geworden bin und viele Feldzüge mitgemacht habe, auch inGefangenschaft geriet, bis mir endlich in der letzten Bataille das Beinabgeschossen wurde, habe ich euch schon oft erzählt. Damals schritt ichauch wieder nach langen, langen Jahren den Hohlweg herab dem Dorfezu; aber es war aus mit dem Scherz und gelüstete mich nimmer in den„Adler". Ach, wo ich meine lieben Eltern zu suchen hatte, das war mirvon dem Pfarramt geschrieben worden. Mein guter Vater hatte seinefreundlichen Augen schon längst zum ew'gen Schlafe geschlossen, und derHimmelstau begoß die Blumen auf meiner Mutter Grab. Traurig stießich mit dem Stelzfuß an die Kirchentüre und suchte unter den Gräbern,bis ich das Grab meiner Eltern fand. Dort setzte ich mich hin undweinte, und weinte.
O, meine Kinder, wenn man einem den Fuß abnimmt, das ist einarger Schmerz; aber tausendmal mehr weh tut es doch, wenn die Elternsterben! Gute Nacht!" Theobald Keiner.
18. ISur noch ein Tag.
Nur nocli ein Tag — und Schmerzen, Angst und Trauer,sie enden mit der Erde schwerem Joch;