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tun hat? — (Belbe, birnförmige Eierchen hat er gelegt; mehr alssechzig liegen nebeneinander festgeleimt. Das kann kurzweiligwerden! Bald schlüpfen kleine, punktierte, graugrüne Räupchenaus und fressen begierig am saftigen Blatte. Dafür wachsen sieauch und werden rund und fett. Mehreremale wird ihnen imRaupenleben das Kleid zu eng; sie erhalten ein neues und streifendas alte ab. Zu einer Häutung braucht ein Tierchen etwa zweiTage. Während dieser Zeit frißt es nichts, nachher dann um somehr. Ihm gefallen aber nur die Kohlblätter. Wie wunderbarfürsorglich hat der alte Kohlweißling seine Eier gerade auf diePflanze gelegt, von der sich die Raupen ernähren! Dazu tragensie ein kohlblattfarbiges Gewand, in dem sie nicht so leicht ge-sehen werden.
Wenn du eine Raupe in die Hand nimmst, speit sie einenübelriechenden Saft gegen dich aus. Sie will nicht, daß man siestöre und wehrt sich in der Not. Bis nach der dritten Häutunglebt die ganze Brüt geschwisterlich beisammen und zerfrißt in un-ersättlichem Hunger ein Kohlblatt nach dem andern, bis nur nochdie harten Blattrippen allein übrigbleiben. Dann zerstreut sich dieFamilie. Jede Raupe geht einen eigenen Weg und mästet sich,bis sie zur Verpuppung reif ist. Ist sie ausgewachsen, so verläßtsie den Kohl und marschiert schnurgerade über den Weg dem Hausezu. Der drei bis vier Lentimeter lange, sechzehnfüßige Wurmklettert munter an der Mauer hinauf, bis unter den Dachgiebeloder hinter einen Fensterladen. Dort verpuppt er sich, um denWinter zu verschlafen. Niemand sieht, was Wunderbares trotzder Kälte im Innern vorgeht. An einem schonen Maitag aberregt sich's und heraus windet sich mühsam ein weißer Falter mitfeuchten, zusammengerollten Flügeln. Er grüßt die schone Weltim schmucken Gewände, hält sich unten am Gesimse fest und läßtdie herabhängenden Flügel trocken und steif werden. Bald fühlter sich kräftig und munter. Er schlägt noch einigemale mit denFlügeln, um sich zu üben. Dann flattert der junge Kohlweißlinghinunter in des Nachbars blumengeschmückte Wiese.
Emil Nüesch.