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was seinen Gäulen widerfahren wäre. Der Junge, der bei ihmstand, antwortete, daß ihnen weiter kein Unglück zugestoßenwäre, daß sie auch das gehörige Futter bekommen hätten, daßsie aber, weil gerade Ernte gewesen sei, wegen Mangel an Zugviehein wenig auf den Feldern gebraucht worden wären. Kohlhaasverbiß seinen Ingrimm und machte Anstalten, das Raubnest mitden Pferden wieder zu verlassen, als der Schloßvogt, vondem Wortwechsel herbeigerufen, erschien und fragte, was eshier gäbe.
„Was es gibt?" antwortete Kohlhaas. „Wer hat dem Junkerund seinen Leuten die Erlaubnis gegeben, sich meiner Rappenzur Feldarbeit zu bedienen?" Der Schloßvogt, nachdem er ihneine Weile trotzig angesehen hatte, versetzte: „Seht den Grobian!Ob der Flegel nicht Gott danken sollte, daß die Mähren über-haupt noch leben?" Er fragte, wer sie, da der Knecht weggelaufensei, hätte pflegen sollen. Ob es nicht billig gewesen wäre, daßdie Pferde das Futter, das man ihnen gereicht habe, aufden Feldern abverdient hätten? Er schloß, daß er hier keineFlausen machen möchte, oder daß er die Hunde rufen und sichdurch sie Ruhe im Hofe verschaffen werde. Dem Roßhändlerschlug das Herz gegen das Wams. Er trat zu den Pferden, legteihnen die Mähnen zurecht, streifte ihnen die Zoddeln aus undsann, was in seiner Lage zu tun sei, als der Junker mit einemSchwärm von Rittern, Knechten und Hunden, von der Hasen-hetze kommend, in den Schloßplatz sprengte. Er fragte, was vor-gefallen sei, und der Schloßvogt sagte mit Hohngelächter, daßder Händler sich weigere, die Pferde als die seinigen anzuer-kennen. Kohlhaas rief: „Das find nicht meine Pferde, gestrengerHerr! Das find die Pferde nicht, die dreißig Goldgülden wertwaren! Ich will meine wohlgenährten und gesunden Pferdewieder haben!" .
Der Junker, dem eine flüchtige Blässe ins Gesicht trat,stieg vom Pferde und sagte: „Wenn er die Pferde nicht wiedernehmen will, so mag er's bleiben lassen." Dann wandte er sichund ging mit den Rittern ins Schloß. Kohlhaas aber ließ seinePferde auf dem Platze stehen, schwang sich auf seinen Braunenund ritt davon, indem er versicherte, daß er sich Recht zu schassenwissen würde.